Autor/Autorin: Liz Mohn
Liz Mohn repräsentiert zusammen mit ihrem 2009 verstorbenen Ehemann Reinhard Mohn die fünfte Generation der Eigentümerfamilien Bertelsmann/Mohn an der Spitze des Medienunternehmens Bertelsmann. Sie ist Geschäftsführerin und Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH (BVG) sowie stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes und des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung. Die Gründerin und Präsidentin der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ist außerdem das erste weibliche Mitglied im Club of Rome, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und hat neben anderen Auszeichnungen den UNESCO Award und den "Weltwirtschaftlichen Preis 2010" des Kieler Institus für Weltwirtschaft erhalten.
Ein engagiertes Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit"Liebe öffnet Herzen" – für Liz Mohn sind diese Worte Lebenserkenntnis, Programm und Mahnung zugleich. Mit großer Sorge beobachtet sie die zunehmende Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft, die von Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Vereinsamung gezeichnet ist. Ob als Frau, Mutter oder Managerin – Liz Mohn engagiert sich leidenschaftlich für Toleranz und gegenseitiges Verständnis über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Ihre persönliche Geschichte verdichtet Liz Mohn zu einem energischen Plädoyer für Achtung und Menschlichkeit im Umgang miteinander.
Ausstattung: 24-seitiger Bildteil
1. Anf?e - Wurzeln
Die Limousine surrt die Landstra? entlang. Ich sitze im Fond des Wagens und sehe das dichte Gr?n der B?e vorbeifliegen. Es ist ein Fr?hlingstag, der das Herz jubeln l?t ? strahlende Sonne, tiefblauer Himmel im Kontrast zu dottergelben Butterblumenwiesen und Rapsfeldern. Gedankenversonnen betrachte ich die Sch?nheit der Natur. Ich bin auf dem Weg zu einer Selbsthilfegruppe der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Die Gegend ist mir sehr vertraut. Tief unten flie? die Ems, der Fluss, der mich seit fr?hester Kindheit begleitet hat. Es gibt dort einen Platz, den ich besonders liebe. Weiden?e h?en tief ins Wasser. ?Bitte halten Sie doch mal kurz an?, sage ich zu meinem Fahrer Thomas Barnh?fer. Er nickt verst?nisvoll ? er wei? wie sehr ich diesen Ort mag. Wie oft haben wir hier schon f?r einen Moment gestoppt.
Ich gehe hinunter zum Flussbett, beobachte, wie sich mein Gesicht im Wasser spiegelt. Die Erinnerung an ferne Tage steigt in mir auf. Ich sehe ein kleines blondes M?hen, das hier immer wieder Anlauf nimmt und sich, an den Weiden?en festhaltend, ans andere Ufer schwingt. Es hat riesigen Spa?dabei. Wieder und wieder schwingt es hin und her. Manchmal hat es Gl?ck und erreicht das andere Ufer, oft hat es Pech und f?t ins Wasser. Doch dann prustet und sch?ttelt sich das M?hen nur und startet einen neuen Versuch.
Das kleine M?hen war ich. Damals konnte ich nicht schwimmen. Aber so lernte ich es. Ich brachte es mir selbst bei. Da war ich vier Jahre alt. Meine Mutter sagte mir sp?r, hier h?e sie zum ersten Mal geahnt, welch starker Wille und wie viel Unerschrockenheit in mir steckten.
Dieser Platz ist die Verbindung zu meinen Wurzeln. Ich brauche diese Erinnerung von Zeit zu Zeit. Sie tut mir gut. Sie gibt mir neue Kraft f?r meine Arbeit. Es war ein weiter Weg von dem hartn?igen kleinen M?hen zu der Frau, die ich heute bin. Nachdenklich gehe ich zum Auto zur?ck. Die Patienten der Selbsthilfegruppe warten auf mich.
?Alles in Ordnung, Frau Mohn??, fragt Thomas Barnh?fer und ?ffnet die Autot?r. Ich nicke. Er f?t mich schon viele Jahre, wir kennen einander gut. Wir brauchen nicht viele Worte, um einander zu verstehen. W?end wir weiterfahren, denke ich an die untergegangene Welt meiner Kindheit.
Tod und Verw?stung herrschten ?berall, als ich geboren wurde. Auf den Schlachtfeldern Europas starben Millionen Menschen ? doch mein Leben begann. Wir Menschen sind Teil des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen. Ich bin ein Kriegskind, meine Chancen auf ein gl?ckliches, erfolgreiches Leben waren ? wie die vieler Neugeborener damals ? gering. Es ging nur um das ?erleben. Die Frauen, die in dieser Zeit Kinder bekamen, sie beh?teten und besch?tzten, sich aufopferten, um sie gro?uziehen, sind noch heute Heldinnen f?r mich. Meine Mutter erz?te sp?r, ich sei bei Fliegeralarm zur Welt gekommen. Es war am Vorabend des Tages, an dem der Krieg mit Russland begann ? Deutschland lag wie unter einer Glocke der Angst. Angst war das beherrschende Gef?hl meiner Mutter bei meiner Geburt ? Angst um ihr Leben, um den Lebensstart ihres Kindes, Sorge vor einer ungewissen Zukunft. Und diese Angst ?bertrug sich offensichtlich auf mich. Ich habe sp?r viel dar?ber geh?rt und gelesen, wie Kinder bereits w?end der Schwangerschaft Emotionen, Stimmungen und ?gste der Mutter wahrnehmen. Bei uns muss es exakt so gewesen sein: Ich war ein sehr ?stliches Baby, das nachts viel schrie und schlecht tr?te. Jede Nacht musste meine Mutter mich auf den Arm nehmen, tr?sten, wickeln oder umziehen. Vielleicht lag hier der tiefere Grund f?r die besondere Bindung, die wir immer zueinander hatten.
An den Krieg habe ich ? wie viele Kinder meiner Generation ? nur bruchst?ckhafte Erinnerungen. Aber die ?gste sind mir noch gegenw?ig. Oft hatten wir Fliegeralarm in Wiedenbr?ck ? wegen der N? von Bielefeld oder des Ruhrgebiets, die bombardiert wurden. Auch am Rande unserer Stadt gingen die Bomben nieder. Wie oft wurden wir Kinder aus den Betten gerissen, weil wir nachts in den Luftschutzbunker mussten. Die Angst, die ich hatte, w?end die Sirenen heulten und ich ? oftmals noch im Nachthemd ? an der Hand der Mutter die Stra? entlanglief, werde ich nie vergessen. Auch nicht den muffigen Geruch in dem engen Keller, in dem Menschen ?stlich dicht an dicht bei sp?icher Beleuchtung in stickiger Luft hockten.
Eines Morgens kamen wir aus dem Bunker, und mein ganzes Bett war voller Reif. Alles war gefroren, die Eisblumen bl?hten am Fenster, denn es gab keine Heizung in unserem Haus. Meine Mutter erw?te dann Steine im Backofen, die in die Kinderbetten gelegt wurden, damit wir nicht froren. Das war sehr behaglich, dieses Gef?hl ist mir heute noch gegenw?ig.
Wenn ich an meine Kindheit und Jugend zur?ckdenke, so waren Liebe und F?rsorge die pr?nden Einfl?sse. Die Welt um uns herum versank in Schutt und Asche, es herrschte Hunger, Elend und Not ? als Kind kann man jedoch die Tragweite des Geschehens kaum erfassen. Wir lebten bescheiden zu Hause, aber wir waren eine Gemeinschaft, die Geborgenheit und Verl?lichkeit vermittelte. Und dieses Gef?hl erinnere ich bis heute. Es offenbart mir, was Kinder wirklich gl?cklich macht: nicht sch?ne Kleider, teures Spielzeug oder weite Reisen, sondern Liebe und Geborgenheit. Und davon bekamen wir in meinem Elternhaus genug, besonders von meiner Mutter!
Heute wei?ich: Man kann von materiellen Dingen keine Sinngebung erwarten. Ein Auto oder ein sch?nes Haus, Erfolg im Beruf ersetzen keine liebevolle Umarmung. Man kann Liebe, Z?lichkeit oder Vertrauen nicht durch materielle G?ter und aufwendige Geschenke erlangen, sondern nur im vertrauten Miteinander mit nahe stehenden Menschen.
Unsere Mutter sorgte von fr?h bis sp?f?r uns. Sie hatte einen kleinen Garten gepachtet, in dem sie Gem?se und Kartoffeln anpflanzte, damit wir genug zu essen bekamen. Ich erinnere mich heute noch an den s?rlichen Geschmack der Brotsuppe, die sehr h?ig zum Mittagessen auf dem Tisch stand ? sie war in den Nachkriegsjahren eine unserer Hauptnahrungsquellen. Ich glaube, da ging es mir wie vielen anderen Kindern in dieser Zeit ? bald wollte ich Brotsuppe weder riechen noch essen. Doch der Hunger trieb sie in den Magen. Hungersnot wie in den Gro?t?en gab es aber bei uns nicht. In der kleinen Stadt mit dem l?lichen Umfeld tauschte und teilte jeder mit jedem, wenn er etwas zu essen hatte. Wurde in der Nachbarschaft ein Schwein geschlachtet, bekamen alle etwas davon ab. Es war selbstverst?lich, dass Nachbarn einander halfen. H?ig sammelten wir Kinder mit unserer Mutter Bucheckern, daraus wurde dann ? gepresst. Oder wir holten Brennholz aus dem Wald. Und morgens mussten wir Kinder im Garten K?r von den Kartoffeln abklauben. Ich wei?es noch bis heute, wie ich mich ekelte, wenn sie meinen Arm hochkrabbelten.
Langeweile und ?erdruss kannten wir Kinder damals nicht. In den Familien ging es um das ?erleben und den Erhalt der Existenz ? wir Kinder waren in dieses Leben mit einbezogen.
Meine Mutter
Meine Mutter war gelernte Hutmacherin und stammte aus einer Familie mit neun Kindern. Mein Vater kam aus einer Bauernfamilie und machte sich als Handwerker selbstst?ig. Er hatte einen schweren Schicksalsschlag verkraften m?ssen: Er wurde vom Blitz getroffen, lag zwei Wochen bewusstlos in der Uniklinik M?nster und war danach arbeitsunf?g. Er wurde nicht in den Krieg eingezogen, was ihm sehr zugesetzt hat. Ich glaube, er empfand dies als unehrenhaft, was dem damaligen Zeitgeist entsprach. Er starb fr?h mit sechzig Jahren.
So war meine Mutter die entscheidende Bezugsperson f?r uns f?nf Kinder ? sie trug die Verantwortung f?r die ganze Familie. Heute w?rde man sagen, sie war eine starke Frau, die eigenst?ige Entscheidungen traf. Damals war das selbstverst?lich, dar?ber sprach man gar nicht. Heute nennt man eine Frau wie sie eine starke Pers?nlichkeit. Damals meisterten die Frauen das Leben so, wie es kam, und machten nicht viele Worte darum. Dennoch gingen die nervlichen und k?rperlichen Belastungen nicht spurlos an ihnen vor?ber.
Unsere Mutter war immer f?r uns da ? sie kochte, wusch, n?e Kleidung. Nat?rlich merkten wir Kinder, dass sie es nicht einfach hatte. Man erlebte ja, dass die Mutter jeden Pfennig zweimal umdrehen musste, dass sie oft Sorgen hatte, wie es weitergehen solle. Schon als kleines Kind sp?rte ich sehr genau, wenn sie etwas bedr?ckte. Ich nahm dann ihre Hand und streichelte sie. Ich glaube, sie verstand mich ohne Worte. Ich wollte sie auf meine kindliche Art tr?sten. Ich liebte sie sehr.
Trotz der schweren Zeit war sie im Grunde ein fr?hlicher Mensch. Eine zierliche Frau mit schwarzen Haaren und blauen Augen, die neugierig und interessiert in die Welt schauten. Nur nicht unterkriegen lassen, war ihr Lebensmotto und Lebensgef?hl ? sie dachte immer positiv. Sie kannte und sang alle Lieder dieser Welt. Sie hatte viele Freunde und Bekannte, die jeden Tag kamen und sie besuchten. Nie redete sie schlecht ?ber jemanden, hatte f?r jeden ein offenes Herz und war sehr hilfsbereit.
In der Nachkriegszeit gab es viele Bettler, die Leute hatten oft nichts zu essen. Meine Mutter gab immer etwas, wenn jemand vor der T?r stand ? ein St?ck Brot, etwas Gem?se, einen Teller Suppe. Und wir hatten auch immer Ferienkinder aus dem Ruhrgebiet, die sie aufp?elte. Ich wei?nicht, wie sie es bewerkstelligte, aber sp?r hat sie uns Kindern vieles erm?glicht ? wir hatten Fahrr?r, Rollschuhe, Schlittschuhe. Die Ufer der Ems waren unser liebster Spielplatz. Im Sommer schwammen wir darin, im Winter liefen wir Schlittschuh auf dem zugefrorenen Fluss. Wenn wir wie zu Eiszapfen gefroren nach Hause kamen, hatte sie Berliner gebacken. Sie verstand es, eine behagliche Atmosph? zu schaffen. Was sie f?r uns Kinder getan hat, konnte ich erst richtig ermessen, als ich eigene Kinder hatte. Sie gab uns liebevolle Geborgenheit.
Ich wei? dass sie in dieser Zeit viel Kraft aus ihrem Glauben gesch?pft hat. Sp?r im Alter sah sie die Religion distanzierter.
Meine Mutter liebte die Menschen. Das habe ich von ihr gelernt. Sie hat mich in dieser Hinsicht mehr gepr?, als ich als junger Mensch wahrhaben wollte und konnte. Sp?r als Erwachsene, als Mutter von drei Kindern und berufst?ge Frau mit Verantwortung f?r andere Menschen, bin ich mir dessen bewusst geworden.
Auch die optimistische, positive Grundeinstellung habe ich sicher von ihr. Sie blieb unternehmungslustig bis ins hohe Alter. Als sie achtundachtzig Jahre alt war, besuchte sie uns in unserem Haus auf Mallorca. Sie genoss den Blick von der Terrasse auf das Meer. Dann aber sagte sie: ?Nur immer aufs Meer schauen, das wird langweilig.? Sie wollte etwas unternehmen, ins St?chen fahren, unter Menschen gehen.
Meine Mutter wurde vierundneunzig Jahre alt. Als sie starb, erf?llte mich dies weniger mit Trauer als vielmehr mit Dankbarkeit f?r alles, was sie mir gegeben hatte. Abschied genommen hatte ich schon vorher, w?end ihrer langen Krankheit. Ich habe ganz bewusst allm?ich losgelassen. So konnte ich den Schmerz besser verkraften. Diese Art des Abschiednehmens w?rde ich auch meinen Kindern w?nschen, wenn eines Tages die Zeit f?r mich gekommen ist. Ich habe den Sarg meiner Mutter ?ber und ?ber mit wei?n und rosa Orchideen schm?cken lassen ? es waren ihre Lieblingsblumen.
Ein tapferes Kind
Wir waren f?nf Kinder zu Hause, ich war das vierte Kind. Mit meiner drei Jahre ?eren Schwester Hannelore und dem f?nf Jahre ?eren Bruder Heinz hatte ich den engsten Kontakt, wir passten altersm?g zusammen. Meine andere Schwester ist f?nf Jahre j?nger als ich. ?er ihre Geburt war ich damals nicht besonders gl?cklich. Ich war eifers?chtig und bef?rchtete, die Liebe meiner Mutter teilen zu m?ssen.
Wenn ich heute zur?ckblicke auf das Kind, das ich einmal war, sehe ich ein kleines M?hen mit blonden Z?pfen, das schm?tig und zart war und deshalb immer als das Sorgenkind der Mutter galt. Ich musste mehr essen als meine Geschwister, und ich suchte und brauchte auch mehr die Hilfe und die N? meiner Mutter. Ich war anlehnungsbed?rftig und z?lich ? anders als meine Geschwister. So hatten wir eine besonders enge Beziehung. Meine Mutter kannte meine ?gste, die mich lange begleiten sollten: Angst, in einen dunklen Keller zu gehen, Angst vor unbekannten neuen Situationen, vor geforderten Leistungen ? ich brauchte viel Ermutigung.
Ich hatte das Gl?ck, dass ich immer Menschen in meinem Leben fand, die mich ermutigten, den n?sten Entwicklungsschritt in Angriff zu nehmen.
Andererseits ? wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, tat ich alles, um es zu erreichen. Und in solchen Momenten flossen mir ungeahnte Kr?e zu: Ich wurde mutig f?r neue Abenteuer, verga?alle ?gste. So zum Beispiel, als ich mir selbst das Schwimmen beibrachte.
?Ein Teil jeden Talents besteht in der Courage?, sagt Bertolt Brecht. Dieser Satz trifft auf meine Situation w?end der Entwicklungsjahre genau zu.
In der ersten Schulklasse war ich die Einzige, die sich traute, vom F?nfmeterbrett ins Schwimmbad zu springen. Ich war ja inzwischen eine gute Schwimmerin, nachdem ich so lange in der Ems trainiert hatte. Der Lehrer ermutigte mich. Er sagte einfach: ?Probier's mal. Du schaffst das.? Ich merkte, dass er es mir zu traute. Das befl?gelte mich. Ich erinnere mich noch genau an meine Gef?hle, als ich die Leiter zum Sprungbrett hochkletterte. Es ging h?her und h?her, als f?hrte sie geradewegs in den Himmel. Mein Herz klopfte bis zum Hals, meine Knie zitterten. Als ich oben stand und die erwartungsvollen Gesichter des Lehrers und meiner Klassenkameraden sah, gab es kein Zur?ck. Ich sprang. Hinterher war ich sehr stolz auf mich. Solche Momente hatte ich ?fter im Leben. Immer wenn ich das Gef?hl hatte, jemand glaubt an mich, konnte ich meine ?gste ?berwinden. Diese Erfahrung bringe ich in meine Arbeit ein. Ich motiviere meine Mitarbeiter, indem ich sie immer und immer wieder ermutige. ?rigens: Sp?r sprang ich dann sogar mit Salto.
Das Wasser sollte mein Element bleiben ? ich wurde eine ausdauernde Schwimmerin. Heute kann ich m?helos bis zu einer Stunde im Mittelmeer schwimmen und mich dabei gem?tlich unterhalten. Manager unseres Unternehmens, die uns manchmal in unserem Ferienhaus auf Mallorca besuchen, geraten dabei schon einmal aus der Puste.
In diesen fr?hen Jahren lebte ich eingesponnen in eine eigene Welt. Ich war ein freundliches Kind, manchmal ein bisschen vertr?t. Oft sa?ich nachts auf der Fensterbank in der K?che und sang Lieder. Oder ich schl?pfte um f?nf Uhr morgens aus dem Bett und ging spazieren. Ich liebte es, ?ber die taunassen Wiesen zu laufen, an der Ems entlang durch einen kleinen Wald, der V?gel erstes Tschilpen zu h?ren und das Rauschen der Bl?er im Wind ? es war wie ein Traum. Ein kleines Abenteuer, das ich bestand, so ganz allein.
Das intuitive Naturerlebnis ist eine ganz fr?he Pr?ng. Auch heute brauche und suche ich es. Ich bin froh, dass ich Natur so intensiv erleben kann. Immer wenn ich mich ein bisschen einsam oder ratlos f?hle oder wenn ich viel Stress habe, gehe ich hinaus in die Natur ? ?ber die Felder, durch die W?er, auf die Berge. Meistens gehe ich mit raschen Schritten und atme dabei tief ein. Ich genie? den Blick in die Weite des flachen M?nsterlandes bis zum Horizont. Schon nach kurzer Zeit steigt eine wohltuende Ruhe in mir auf.
So ein Spaziergang hilft, Gedanken zu kl?n und zu sortieren, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Wir Menschen sind nur ein kleines R?hen im Weltgetriebe ? das wird mir klar, wenn ich eine jahrhunderte alte Eiche betrachte. Was k?nnte sie wohl erz?en ... Manche Leute reisen nach Indien, um zur Ruhe zu kommen, um ihre Mitte zu finden. Es entspricht auch dem Zeitgeist, ins Kloster zum Meditieren zu gehen. Ich finde meine Mitte in der Natur. Der Wind, der ?ber mein Gesicht streicht, wehte auch schon vor zweitausend Jahren, als die
R?mer unweit im Teutoburger Wald gegen Arminius, den Cherusker, k?ften ? die Endlichkeit des menschlichen Seins wird mir bewusst. Auf einmal nehme ich mich nicht mehr so wichtig. Gl?cklichsein beginnt im Kopf. Es ist meine Entscheidung, das Innenleben nicht von ?eren Umst?en abh?ig zu machen. Ich bin sehr froh, dass ich den Blick f?r die kleinen Dinge des Lebens behalten habe und mich daran erfreuen kann. An einer sch?nen Blume, einem Sonnenuntergang am Meer, dem Anblick riesiger Berge, dem L?eln eines Menschen, einem vertrauten Gespr?.
Die pr?nden Jahre: Schule und Pfadfinderzeit
Der Tag meiner Einschulung war ein schwerer Tag. ?gste marterten mich: Ich musste mich zum ersten Mal von meiner Mutter trennen, f?hlte mich schutzlos und preisgegeben. Ich wei?noch genau, wie bang ich in der ersten Reihe sa?und zu der Lehrerin hochguckte. Frau Verhoff war schon etwas ?er und ein absoluter Gl?cksfall f?r mich, sie ging so m?tterlich und warmherzig mit uns Erstkl?lern um, dass ich schnell meine ?gste verlor. Ich bekam mehr Zutrauen zu mir selbst und wurde dann das kleine Strahlem?hen, das es einfach mit den Lehrern hatte, weil es ihre Herzen gewann.
Sp?r, als ich schon l?st in G?tersloh wohnte und diese Lehrerin pensioniert war, sah ich sie zuf?ig an einer Bushaltestelle stehen, als ich mit dem Auto vor?berfuhr. Ich hielt an und nahm sie ein St?ckchen mit. Sie hatte mich kaum erkannt. Wir sprachen ?ber die fr?hen Jahre, und ich dankte ihr f?r ihre Zugewandtheit und G?te, die mir als Schulkind viel Geborgenheit und Hilfe gegeben hatten.
Ein engagiertes Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit"Liebe öffnet Herzen" - für Liz Mohn sind diese Worte Lebenserkenntnis, Programm und Mahnung zugleich. Mit großer Sorge beobachtet sie die zunehmende Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft, die von Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Vereinsamung gezeichnet ist. Ob als Frau, Mutter oder Managerin - Liz Mohn engagiert sich leidenschaftlich für Toleranz und gegenseitiges Verständnis über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Ihre persönliche Geschichte verdichtet Liz Mohn zu einem energischen Plädoyer für Achtung und Menschlichkeit im Umgang miteinander.
Ausstattung: 24-seitiger Bildteil
Liz Mohn repräsentiert zusammen mit ihrem 2009 verstorbenen Ehemann Reinhard Mohn die fünfte Generation der Eigentümerfamilien Bertelsmann/Mohn an der Spitze des Medienunternehmens Bertelsmann. Sie ist Geschäftsführerin und Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH (BVG) sowie stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes und des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung. Die Gründerin und Präsidentin der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ist außerdem das erste weibliche Mitglied im Club of Rome, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und hat neben anderen Auszeichnungen den UNESCO Award und den "Weltwirtschaftlichen Preis 2010" des Kieler Institus für Weltwirtschaft erhalten.
1. Anf e - Wurzeln
Die Limousine surrt die Landstra entlang. Ich sitze im Fond des Wagens und sehe das dichte Gr n der B e vorbeifliegen. Es ist ein Fr hlingstag, der das Herz jubeln l t strahlende Sonne, tiefblauer Himmel im Kontrast zu dottergelben Butterblumenwiesen und Rapsfeldern. Gedankenversonnen betrachte ich die Sch nheit der Natur. Ich bin auf dem Weg zu einer Selbsthilfegruppe der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Die Gegend ist mir sehr vertraut. Tief unten flie die Ems, der Fluss, der mich seit fr hester Kindheit begleitet hat. Es gibt dort einen Platz, den ich besonders liebe. Weiden e h en tief ins Wasser. Bitte halten Sie doch mal kurz an , sage ich zu meinem Fahrer Thomas Barnh fer. Er nickt verst nisvoll er wei wie sehr ich diesen Ort mag. Wie oft haben wir hier schon f r einen Moment gestoppt.
Ich gehe hinunter zum Flussbett, beobachte, wie sich mein Gesicht im Wasser spiegelt. Die Erinnerung an ferne Tage steigt in mir auf. Ich sehe ein kleines blondes M hen, das hier immer wieder Anlauf nimmt und sich, an den Weiden en festhaltend, ans andere Ufer schwingt. Es hat riesigen Spa dabei. Wieder und wieder schwingt es hin und her. Manchmal hat es Gl ck und erreicht das andere Ufer, oft hat es Pech und f t ins Wasser. Doch dann prustet und sch ttelt sich das M hen nur und startet einen neuen Versuch.
Das kleine M hen war ich. Damals konnte ich nicht schwimmen. Aber so lernte ich es. Ich brachte es mir selbst bei. Da war ich vier Jahre alt. Meine Mutter sagte mir sp r, hier h e sie zum ersten Mal geahnt, welch starker Wille und wie viel Unerschrockenheit in mir steckten.
Dieser Platz ist die Verbindung zu meinen Wurzeln. Ich brauche diese Erinnerung von Zeit zu Zeit. Sie tut mir gut. Sie gibt mir neue Kraft f r meine Arbeit. Es war ein weiter Weg von dem hartn igen kleinen M hen zu der Frau, die ich heute bin. Nachdenklich gehe ich zum Auto zur ck. Die Patienten der Selbsthilfegruppe warten auf mich.
Alles in Ordnung, Frau Mohn? , fragt Thomas Barnh fer und ffnet die Autot r. Ich nicke. Er f t mich schon viele Jahre, wir kennen einander gut. Wir brauchen nicht viele Worte, um einander zu verstehen. W end wir weiterfahren, denke ich an die untergegangene Welt meiner Kindheit.
Tod und Verw stung herrschten berall, als ich geboren wurde. Auf den Schlachtfeldern Europas starben Millionen Menschen doch mein Leben begann. Wir Menschen sind Teil des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen. Ich bin ein Kriegskind, meine Chancen auf ein gl ckliches, erfolgreiches Leben waren wie die vieler Neugeborener damals gering. Es ging nur um das erleben. Die Frauen, die in dieser Zeit Kinder bekamen, sie beh teten und besch tzten, sich aufopferten, um sie gro uziehen, sind noch heute Heldinnen f r mich. Meine Mutter erz te sp r, ich sei bei Fliegeralarm zur Welt gekommen. Es war am Vorabend des Tages, an dem der Krieg mit Russland begann Deutschland lag wie unter einer Glocke der Angst. Angst war das beherrschende Gef hl meiner Mutter bei meiner Geburt Angst um ihr Leben, um den Lebensstart ihres Kindes, Sorge vor einer ungewissen Zukunft. Und diese Angst bertrug sich offensichtlich auf mich. Ich habe sp r viel dar ber geh rt und gelesen, wie Kinder bereits w end der Schwangerschaft Emotionen, Stimmungen und gste der Mutter wahrnehmen. Bei uns muss es exakt so gewesen sein: Ich war ein sehr stliches Baby, das nachts viel schrie und schlecht tr te. Jede Nacht musste meine Mutter mich auf den Arm nehmen, tr sten, wickeln oder umziehen. Vielleicht lag hier der tiefere Grund f r die besondere Bindung, die wir immer zueinander hatten.
An den Krieg habe ich wie viele Kinder meiner Generation nur bruchst ckhafte Erinnerungen. Aber die gste sind mir noch gegenw ig. Oft hatten wir Fliegeralarm in Wiedenbr ck wegen der N von Bielefeld oder des Ruhrgebiets, die bombardiert wurden. Auch am Rande unserer Stadt gingen die Bom
Über den Autor
Liz Mohn repräsentiert zusammen mit ihrem 2009 verstorbenen Ehemann Reinhard Mohn die fünfte Generation der Eigentümerfamilien Bertelsmann/Mohn an der Spitze des Medienunternehmens Bertelsmann. Sie ist Geschäftsführerin und Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH (BVG) sowie stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes und des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung. Die Gründerin und Präsidentin der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ist außerdem das erste weibliche Mitglied im Club of Rome, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und hat neben anderen Auszeichnungen den UNESCO Award und den "Weltwirtschaftlichen Preis 2010" des Kieler Institus für Weltwirtschaft erhalten.
Klappentext
Ein engagiertes Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit
"Liebe öffnet Herzen" - für Liz Mohn sind diese Worte Lebenserkenntnis, Programm und Mahnung zugleich. Mit großer Sorge beobachtet sie die zunehmende Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft, die von Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Vereinsamung gezeichnet ist. Ob als Frau, Mutter oder Managerin - Liz Mohn engagiert sich leidenschaftlich für Toleranz und gegenseitiges Verständnis über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Ihre persönliche Geschichte verdichtet Liz Mohn zu einem energischen Plädoyer für Achtung und Menschlichkeit im Umgang miteinander.