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Schläge im Namen des Herrn
Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik
Peter Wensierski

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Produktbeschreibung

Weisser Ring, 2/11 sagt:

»Wer wissen will, was zehntausenden von Kindern und Jugendlichen unter öffentlicher Aufsicht widerfahren ist, der sollte dieses Buch lesen, das von seiner Aktualität nichts verloren hat.«

AUTOR: Peter Wensierski

Peter Wensierski, geboren 1954, arbeitet seit 1993 im Deutschland-Ressort des "Spiegel". Als Dokumentarfilmer und Fernsehjournalist berichtete er zuvor über gesellschaftspolitische Themen aus Ost- und Westdeutschland. Für den Film "Mauerläufer" erhielt er 1986 den "Bundesfilmpreis". Zusammen mit Annette Bruhns veröffentlichte er 2004 bei der DVA das Buch "Gottes heimliche Kinder" mit Lebensberichten von Kindern katholischer Priester.
Ihr Schicksal ist kaum bekannt: Bis in die siebziger Jahre hinein wurden mehr als eine halbe Million Kinder sowohl in kirchlichen wie staatlichen Heimen Westdeutschlands oft seelisch und körperlich schwer mißhandelt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Viele leiden noch heute unter dem Erlebten, verschweigen diesen Teil ihres Lebens aber aus Scham ? selbst gegenüber Angehörigen.
Manchmal genügte den Ämtern der denunziatorische Hinweis der Nachbarn auf angeblich unsittlichen Lebenswandel, um junge Menschen für Jahre in Heimen verschwinden zu lassen. In diesen Institutionen regierten Erzieherinnen und Erzieher, die oft einem Orden angehörten und als Verfechter christlicher Werte auftraten, mit aller Härte. Die »Heimkampagne«, ausgelöst von Andreas Baader und Ulrike Meinhof, und die Proteste der 68er brachten einen Wandel. Die Erlebnisberichte in diesem Buch enthüllen das vielleicht größte Unrecht, das jungen Menschen in der Bundesrepublik angetan wurde.

- Erste umfassende Darstellung der bis in die siebziger Jahre herrschenden skandalösen Zustände in kirchlichen und staatlichen Kinderheimen
- Erschütternde Erlebnisberichte von Betroffenen, die als Kinder traumatisiert wurden


Vorwort

Es ist unverkennbar: Je schlechter die Nachrichten über die Gegenwart und die Prognosen für die Zukunft werden, desto häufiger wird wieder geschwärmt von den "goldenen Zeiten" der Gründerjahre, vom rasanten Wirtschaftswunder, den erfolgreichsten Jahren der jungen Bundesrepublik, in denen es immer nur aufwärts ging. Der Krieg war vorbei, und eine Nation ging an den Wiederaufbau.
Eine Welle der Erinnerung schwappt durch die Medien. In Fernsehserien lassen sich Menschen freiwillig in eine Schule der Adenauer-Ära zurückversetzen, und in "angesagten" Klamotten- und Designerläden zwischen München und Berlin finden die modischen Accessoires jener Zeit reißenden Absatz. Nierentisch-Nostalgie und pastellfarbene Tütenlampen-Romantik machen sich breit.
Dagegen werden die "68er" verdammt. Ihre antiautoritäre Erziehung, so heißt es, sei schuld an der problematischen Jugend von heute. Doch was hat die Protestbewegung anno 1968 ausgelöst? War es allein der Protest gegen den Vietnamkrieg, gegen den unverdauten Faschismus, der die jungen Rebellen politisierte und auf die Straße trieb?
Oder waren es nicht auch die überlebten autoritären Strukturen, die Erziehung zu "Zucht und Ordnung" im eigenen Land, die eine massenhafte Ausgrenzung von Jugendlichen hervorgebracht hatten, von denen dieses Buch erzählt?
Manche Kapitel sind eine Zeitreise zurück in die fünfziger und sechziger Jahre. Eine Innenansicht der öffentlichen Erziehung von Staat und Kirche aus der Sicht der Kinder. Wer in die Heime kam, war selten ein Waisenkind oder Krimineller. Es waren meist nichtige Gründe, die zur Einweisung in die Erziehungsanstalten führten ? Gründe, die ein gesellschaftliches Kartell bestimmte, zu dem Jugendbehörden, Gerichte, Lehrer, Nachbarn, Eltern und vor allem die damals noch einflussreichen Kirchen gehörten.
Sie legten fest, was gut und böse, wer brav und wer ungezogen war und ab wann ein Mädchen als "sexuell verwahrlost" zu gelten hatte. Sie verkündeten als eine Art Naturgesetz, dass die uneheliche Geburt eine Schande sei.
"Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim!" Diese Drohbotschaft bekamen damals Millionen junge Menschen zu hören. Am Ende wurden einige Hunderttausend Kinder und Jugendliche tatsächlich hinter den Mauern der staatlichen und kirchlichen Erziehungsanstalten zu dramatischen Verlierern des deutschen Wirtschaftswunders. Für sie fiel eine schwere Tür ins Schloss, hinter der sie die ganz anderen, die dunklen fünfziger Jahre erlebten.
Mit der medialen Verklärung dieser Zeit droht dem nationalen Gedächtnis eine Art kollektiver Amnesie, eine schiefe Optik in der Wahrnehmung der unmittelbaren Vorgeschichte unserer Gegenwart. Diese Jahre eignen sich einfach nicht für den sentimentalen Feuerzangenbowlen-Blick.
Die Verwirklichung von Kindesrechten, die zu den universellen Menschenrechten zählen, ist ein Maßstab für den Grad der Freiheit in einer Gesellschaft.
Deshalb schlägt sich dieses Buch auf die Seite der Opfer jener Zeit, der Kinder und Jugendlichen in den Heimen. Es berichtet von der dunklen Seite der Gründerjahre und des Wirtschaftswunders, von schwerwiegenden Demokratiedefiziten und von dem gesellschaftlichen Tabu, das verbot, offen über die Folgen eines systematischen Machtmissbrauchs in unserem Land zu reden.
Es ist ein Buch über Menschrechtsverletzungen in Westdeutschland. Wer bisher geglaubt hat, nur im Osten, in der DDR, seien Menschen gequält, misshandelt, gedemütigt, erniedrigt und ihrer Chancen beraubt worden, der kann aus den Opferberichten dieses Buches lernen, dass der Westen so viel besser auch nicht mit jenen umgesprungen ist, die sich der verordneten gesellschaftlichen Norm nicht fügen mochten.
Dieses Buch ist ein Befreiungsschlag von und für die Betroffenen, die sich erstmals öffentlich dazu bekennen, ein Heimkind gewesen zu sein. Sie wollen, dass damit endlich für viele Menschen ein lebenslang andauerndes Tabu fällt. Das Buch richtet sich gegen die Kultur des Verschweigens.
"Warum hat eine Enquête-Kommission unser Leid nicht längst zusammengetragen", fragte mich ein ehemaliges Heimkind. Die Berichte in diesem Buch sind exemplarisch, es ließen sich Tausende zusammentragen. Sie alle würden belegen, wie grundlegende christliche und bürgerliche Werte von den Verantwortlichen der Gesellschaft mit Füßen getreten worden sind.
Wenn man sich bei den Geschichten in diesem Buch fragt, wie dies möglich war, sollte sich die Frage anschließen, wie eine Wiederholung dieser brutalen Vorkommnisse in den Heimen heute auszuschließen ist. Was damals als billige Entsorgung von Störenfrieden funktionierte, kommt die Gesellschaft bis heute teuer zu stehen. Hunderttausende von sozialen Problemfällen wurden nicht gelöst, sondern in den Heimen erst produziert.
Heute werden die Forderungen nach geschlossenen, "harten" Heimen wieder lauter. Polizei und Politiker fordern erneut das "Wegschließen" von Jugendlichen. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) erfreut die Stammtische, wenn er stolz darauf hinweist, dass in Bayern die geschlossenen Heime niemals abgeschafft wurden.
Die Anzahl der auffällig gewordenen Kinder und Jugendlichen nimmt zu, nicht ab. Viele glauben immer noch, dass hier die Angst vor Strafe hilft. Besonders die sogenannte "Erlebnispädagogik" ist ein beliebtes Kritikobjekt der Befürworter von Abschreckung und Strafe.
Doch am Kern des Problems, warum Kinder und Jugendliche außerhalb ihrer Familien überhaupt betreut werden müssen, hat sich nichts geändert. Die soziale Situation der Familien und jungen Menschen, die heute Erziehungshilfe in Anspruch nehmen, ist die gleiche wie die vor dreißig Jahren.
In einem Bericht über "Leistungen und Grenzen von Heimerziehung", herausgegeben vom Bundesfamilienministerium, heißt es: "Die Eltern/Elternteile verfügen zu einem großen Anteil über eine niedrige formale Bildung, sind in Berufen mit niedrigem sozialen Status beschäftigt oder verfügen über keine bezahlte Arbeit."
Weiter stellt die Studie den gravierend hohen Anteil an allein erziehenden Müttern, Scheidungsfamilien und kinderreichen Familien fest, "die aus armen, bildungsbenachteiligten und mehrfach belasteten Bevölkerungsteilen stammen".
Mit anderen Worten: Die Klientel der öffentlichen Erziehung ist noch dieselbe wie zur Zeit Ulrike Meinhofs, die Ende der sechziger Jahre mit ihren Reportagen auf die elende Situation in den Heimen aufmerksam machen wollte. Nach wie vor gibt es die Probleme der unteren Schichten, und im Zeitalter der "Globalisierung" werden weder die Probleme kleiner noch die Zahl jener, die mit ihnen zu kämpfen haben.
Es gibt auch eine Gegenwart, in der wieder heimlich geschlagen und misshandelt wird, an Orten, wo Ausgegrenzte aus dem Blickfeld zu verschwinden drohen ? in Altersheimen beispielsweise.
Eine Erkenntnis der modernen Trauma-Forschung ist, dass Opfer in der Regel erst drei oder vier Jahrzehnte nach der Traumatisierung in der Lage sind, darüber zu reden. Viele haben diese Zeit tief in ihrem Inneren weggeschlossen, um überhaupt weiterleben zu können.
"Jetzt wird uns erst bewusst, was mit uns geschehen ist. Wir haben ängstlich unsere schrecklichen Erlebnisse in all den Jahren als schwere Last mit uns herumgetragen", sagte eines der ehemaligen Heimkinder, die ich beim ersten Wiedersehen mit einem alten Gemäuer, in das man es vor dreißig Jahren eingesperrt hatte, begleitete. Offensichtlich ist es vielen der Opfer ein großes Bedürfnis, sich endlich freizureden oder -zuschreiben von jenem Gefüge der Unterdrückung aus Staat, Kirche und Familie, das ihr Leben bestimmt hat. Doch viele ehemalige Heimkinder schämen sich noch immer dafür, dass sie so aufgewachsen sind. Die Schande der Heimerziehung aber haben andere zu verantworten ? allen voran die Kirchen, "denn sie haben die Anweisungen gegeben und dieses ganze Elend zugelassen", wie es ein Opfer in dem irischen Film "Die unbarmherzigen Schwestern" formuliert, der die Zustände in irischen Mädchenheimen schildert.

Die Schwestern und Brüder haben auch in Deutschland Kinder für sich arbeiten lassen, auf Feldern, in Wäschereien oder im Moor ? "wie Zwangsarbeiter" beklagen sich die hiesigen Opfer.
Die Kirchen, insbesondere die Orden, haben ihre Haltung und ihr Verhalten teuer bezahlen müssen. Der Traum, dass unter ihrem strengen Regiment eine neue, saubere, kirchentreue Jugend heranwächst, erfüllte sich nicht ? weder in Irland noch in Deutschland. Im Gegenteil: Die Kirchen haben an Einfluss und Bedeutung verloren.
Bücher wie dieses wären eine Möglichkeit für die Kirchen, sich mit Fehlern zu konfrontieren und aus der eigenen Geschichte zu lernen. Doch wir wissen: Institutionen fällt es immer schwer, sich mit den eigenen Verfehlungen zu beschäftigen. Den Verantwortlichen für die damaligen Erziehungsmethoden ist gleichwohl zu wünschen, dass sie nicht in einen Abwehrreflex verfallen, sondern die schwierigen Fragen tatsächlich angehen und einen Prozess der gemeinsamen Verarbeitung beginnen.
Insbesondere gilt das für die beteiligten katholischen Institutionen, vor allem für jene katholischen Ordensgemeinschaften, die die seelischen und körperlichen Schläge im Namen des Herrn austeilten. Über Jahrzehnte haben sie den Widerspruch zwischen ihrem moralischen Anspruch und der brutalen Realität einfach ignoriert.
Die übergangenen Opfer in Deutschland haben ein Anrecht darauf, dass ihre Geschichte des erlittenen Unrechts endlich erzählt wird.
Von der Kirche aber muss verlangt werden, dass sie ihre Opfer um Verzeihung bittet für all das, was sie diesen Menschen angetan hat.

Willkommen bei den unbarmherzigen Schwestern
Gisela Nurthen, Jahrgang 1945, verbrachte die Jahre von 1961 bis 1965 in Heimen der Vincentinerinnen in Dortmund und Hamm ? ein Trauma, das sie bis heute nicht loslässt.
Die Umerziehung zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft begann mit einer Lüge im Namen des Herrn.
Im Fond des Autos, erinnert sich Gisela Nurthen an jenen Februartag im Jahre 1961, habe eine Frau gesessen und ihr gesagt: "So, jetzt machen wir einen kleinen Ausflug nach Dortmund, da triffst du viele Mädchen in deinem Alter, und es wird dir sicher gefallen."
Gisela, damals gerade 15, stieg arglos ein.
Die Fahrt von Lemgo nach Dortmund war kurz, dann hielt der Wagen in der Oesterholzstraße 85 vor einem düsteren Ziegelbau, umgeben von hohen Mauern.
"Vincenzheim" stand über der schweren Eisentür, die sich langsam öffnete. Eine Nonne mit breit ausladender Haube nahm Gisela an der Pforte in Empfang und eskortierte sie durch leere Gänge und hallende Treppenhäuser in ein oberes Stockwerk, zur Aufnahmestation, einem tristen Raum mit dicken Gittern vor den Scheiben, an den Fenstern fehlten die Griffe.
Gisela Nurthens neues Zuhause war ein "Heim für gefallene Mädchen", geführt von den "Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul". Eine Nonne händigte dem Mädchen die obligate Heimkleidung aus: eine Schürze, unter der die Brust flachgedrückt wurde, ein wadenlanges, graues Kleid, bis oben hin zugeknöpft, mit angesetzten "Puffärmelchen", die jedes Mädchen im Heim artig aussehen lassen sollten.
Beim Umziehen beschimpfte die Nonne Gisela wegen ihrer schamlos kurzen "Beinkleider", dazu noch ohne Unterrock. Was für ein Früchtchen sie sein müsse. Und die Haare! Aus dem Gesicht kämmen, aber schnell! Wir sind hier nicht bei den Hottentotten!
Unwirsch zerrte die Schwester an Giselas dichten, schwarzen Haaren; das Mädchen protestierte, was ihm prompt eine schallende Ohrfeige einbrachte. Zwischen Nase und Mund rann etwas Blut. "Abwischen!" Die Nonne hielt Gisela ihr schmieriges Taschentuch hin. Aus einer Ecke des Hauses drang leiser Kirchengesang. Er kam aus der Nähstube. Kaum eines der Mädchen blickte zu ihr auf, als Gisela ihnen als Neue vorgestellt wurde. Mit gesenkten Köpfen gingen die Zöglinge ihren Stopf- und Näharbeiten nach.
Sie bekam einen Platz ganz hinten. Das Mädchen neben ihr raunte Gisela zu: "Willkommen bei den unbarmherzigen Schwestern!"
Gisela wohnte mit ihrer Mutter seit 1956 im dreistöckigen Mietshaus einer typischen Vertriebenensiedlung in der Vorstadt. Hier gab es kein Wirtschaftswunder, man war arm. Ihre Mutter musste auch am Wochenende zur Arbeit, Gisela war ein "Schlüsselkind" und meist allein.
Seitdem ihre fünf Jahre ältere Schwester zur Ausbildung in eine andere Stadt gezogen war, hatte sie immerhin ein eigenes Zimmer. Eine Liege, eine Lampe, ein Nierentisch, ein Sessel. Und zwei Bücher, in denen sie immer wieder las: "Die Welt als Wille und Vorstellung" von Arthur Schopenhauer, das andere hieß "Die vollkommene Ehe".
Wenn ihre Mutter zur Arbeit fort war, ging Gisela an ein Kästchen, in dem ihre blonden Kinderlocken aufbewahrt wurden, und steckte sie sich mit Klammern ins mittlerweile dunkler gewordene Haar. Dann setzte sie sich in ihren Sessel, nahm die Bücher zur Hand und las sie abwechselnd.
Den düsteren Text des Philosophen fand sie bedeutsam, verstand aber trotz wiederholter Leseversuche kein Wort. Das andere Buch war dagegen sehr einfach zu verstehen. Zur vollkommenen Ehe gehören vor allem eine Ehefrau, die ihren Mann umsorgt, brave und gesunde Kinder und all die vielen neuen Geräte für den Haushalt, damit die Frau mehr Zeit hat, sich schön zu machen, wenn ihr Mann von der Arbeit müde heimkommt. Liebe oder gar Sex kamen in dem Buch nicht vor.
Die Zeit, die sie nach der Schule alleine zu Hause verbringen musste, war lang. Gisela durfte nie jemanden mit nach Hause bringen. Sie mochte die moderne Musik aus Amerika "unheimlich gerne". Besonders Elvis Presley sprach ihr aus der Seele. Sie ging in Plattenläden, nicht um zu kaufen. Nur zum Anhören und Träumen. Dort gab es Kabinen, in denen man allein und ungestört den neuesten Platten lauschen konnte.
Sie nahm den Umschlag mit seinem Foto mit hinein in die Kabine, drückte das Plattencover fest an sich und stellte sich vor, "dass er nur für mich singt". Schwärmerei einer 15-Jährigen. Das junge Mädchen glaubte an eine tiefe Gemeinsamkeit zwischen ihr und dem Sänger. Es war seine Traurigkeit und gleichzeitig seine freche Aufmüpfigkeit, die sie so anzog.
Zu Hause gab es zwar ein Radio, doch ihre "Negermusik", wie die Mutter sie nannte, war auf UKW selten zu hören, nur auf Mittelwellen konnte sie ihre Musik empfangen, wenn auch sehr verrauscht. Das Radio war der größte Luxus in der ansonsten karg möblierten Wohnung.
Über ihren Vater redete die Mutter nicht, den gab es einfach nicht. Er hatte sie "sitzen lassen", so nannten es die Nachbarn.
Gisela war die Größte und Älteste in ihrer Schulklasse, wegen Tuberkulose war sie erst mit acht Jahren eingeschult worden. Mit 15 hatte sie noch ein Kindergesicht, war aber körperlich voll entwickelt, ganz im Gegensatz zu den jüngeren Mitschülerinnen ihrer Klasse. Deren Eltern beäugten sie mit Argwohn: sie trug lange, offene Haare und enge Hosen.
Sexualerziehung war damals tabu. In einem gängigen Ratgeber "Zu einem gesunden Geschlechtsleben" heißt es 1959: "Mütter und Väter! Werdet nicht müde, vor allem eure Töchter vor den Gefahren geschlechtlichen Missbrauchs zu warnen. Prägt ihnen den Wert jungfräulicher Unberührtheit und erfüllten Mutterseins ein. Eure Söhne aber mahnt zur Wertschätzung des Frauentums, das sich für eine Ehe aufspart."
Voreheliche Sexualität galt gerade für Mädchen als eine Schande, die um alles in der Welt vermieden werden sollte. "Der Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe hinterlässt vor allem bei Mädchen zeitlebens ein Gefühl des Peinlichen und der Schuld", warnt ein anderer Erziehungsratgeber.
Sexuelle Gefahren witterten die Erwachsenen überall. Insbesondere in der Musik aus Amerika.
In ihrem Zimmer malte Gisela eines Tages ein kleines Elvis-Bild an die Wand. Fotos und Filmplakate aufzuhängen, hatte ihr die Mutter generell verboten. Als sie es sah, schimpfte sie: "Ausgerechnet dieser Elvis! Mit diesem ... diesem Hüftschwung!" Es gab einen gewaltigen Streit, und Gisela musste Elvis entfernen.
Wenn ihr Idol Elvis doch mal im Radio zu hören war, drehte Gisela den Apparat laut und stellte sich ans offene Fenster. Das kurze Glück hatte seinen Preis: "Die Nachbarn riefen beim Jugendamt an, weil sie der Meinung waren, dass ich zu laut Musik höre. Und am nächsten Tag kam die Fürsorgerin."
Giselas Mutter hatte Angst vor Ottilie Gröning, der Frau vom Amt, die häufig unangemeldet in die Wohnung kam. Auch Gisela hatte Respekt vor der Dame mit dem Haarknoten im Nacken und der umgehängten schweren Ledertasche. "So etwas gehört sich nicht für ein Mädchen!" lautete die Standardermahnung der Ottilie Gröning.
Als Zwölfjährige hatte Gisela mal einen Liebesbrief an einen Nachbarjungen geschrieben. Den Brief hatte die Mutter des Jungen gefunden und ans Jugendamt gegeben. Als die Fürsorgerin ihn Gisela vorhielt, wollte sie im Boden versinken und sterben.
Genauso bedrohlich wie Frau Gröning waren die Nachbarinnen, denn sie verbrachten anscheinend ihre ganze Freizeit damit, selbst hinter den Gardinen der Fenster die Straße zu beobachten. Das Mädchen verabredete sich deshalb meist außerhalb der Siedlung. Sie mochte die frechen Jungs mit ihren Mopeds, doch wenn sie einmal mitgefahren war, dann stieg sie lieber ein paar Straßen vorher ab und ging den Rest alleine zu Fuß, vorbei an den Spionen hinter den Gardinen.
Gisela ging regelmäßig zur Schule, und im Zeugnis stand neben Betragen "sehr gut". Sie benahm sich Erwachsenen gegenüber zuvorkommend und höflich. "Mir ging es aber nur richtig gut, wenn wir mit den Mopeds durch die Gegend fuhren und mir der Wind durch die Haare fegte. Ich wusste, dass darauf wieder eine Bestrafung folgen würde, und so kam es dann auch immer. Entweder hatten mich die Mütter anderer Mitschüler gesehen oder die Nachbarn. Der Spaß war verboten, obwohl ich nichts gemacht hatte, außer in engen Hosen und weitem Pullover hinten auf dem Moped mitzufahren."
Wenn sie allein war, stieg Gisela mit ihrer "Nietenhose" in die Badewanne. Sie ließ sie am Körper trocknen, damit sie wie angegossen saß. Wenn sie in den Spiegel blickte, fühlte sie sich trotzdem hässlich. Vor allem hätte sie gerne so eine lustige Stupsnase wie Romy Schneider gehabt. Mit Kakao und Wasser rührte sie eine Schminke an und übte vor dem Spiegel den Schmollmund von Brigitte Bardot. Gisela wollte auch so schöne Lippen haben wie die Schauspielerinnen auf den Kinoplakaten.


Ihr Schicksal ist kaum bekannt: Bis in die siebziger Jahre hinein wurden mehr als eine halbe Million Kinder sowohl in kirchlichen wie staatlichen Heimen Westdeutschlands oft seelisch und körperlich schwer mißhandelt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Viele leiden noch heute unter dem Erlebten, verschweigen diesen Teil ihres Lebens aber aus Scham - selbst gegenüber Angehörigen.
Manchmal genügte den Ämtern der denunziatorische Hinweis der Nachbarn auf angeblich unsittlichen Lebenswandel, um junge Menschen für Jahre in Heimen verschwinden zu lassen. In diesen Institutionen regierten Erzieherinnen und Erzieher, die oft einem Orden angehörten und als Verfechter christlicher Werte auftraten, mit aller Härte. Die"Heimkampagne", ausgelöst von Andreas Baader und Ulrike Meinhof, und die Proteste der 68er brachten einen Wandel. Die Erlebnisberichte in diesem Buch enthüllen das vielleicht größte Unrecht, das jungen Menschen in der Bundesrepublik angetan wurde.
Peter Wensierski, geboren 1954, ist seit 1993 im Deutschland-Ressort des Spiegel. Als Dokumentarfilmer und Fernsehjournalist berichtete er zuvor über gesellschaftspolitische Themen aus Ost- und Westdeutschland. Er erhielt den Bundesfilmpreis und den Europäischen Fernsehpreis.

Vorwort / / Es ist unverkennbar: Je schlechter die Nachrichten über die Gegenwart und die Prognosen für die Zukunft werden, desto häufiger wird wieder geschwärmt von den goldenen Zeiten der Gründerjahre, vom rasanten Wirtschaftswunder, den erfolgreichsten Jahren der jungen Bundesrepublik, in denen es immer nur aufwärts ging. Der Krieg war vorbei, und eine Nation ging an den Wiederaufbau. / Eine Welle der Erinnerung schwappt durch die Medien. In Fernsehserien lassen sich Menschen freiwillig in eine Schule der Adenauer-Ära zurückversetzen, und in angesagten Klamotten- und Designerläden zwischen München und Berlin finden die modischen Accessoires jener Zeit reißenden Absatz. Nierentisch-Nostalgie und pastellfarbene Tütenlampen-Romantik machen sich breit. / Dagegen werden die 68er verdammt. Ihre antiautoritäre Erziehung, so heißt es, sei schuld an der problematischen Jugend von heute. Doch was hat die Protestbewegung anno 1968 ausgelöst? War es allein der Protest gegen den Vietnamkrieg, gegen den unverdauten Faschismus, der die jungen Rebellen politisierte und auf die Straße trieb? / Oder waren es nicht auch die überlebten autoritären Strukturen, die Erziehung zu Zucht und Ordnung im eigenen Land, die eine massenhafte Ausgrenzung von Jugendlichen hervorgebracht hatten, von denen dieses Buch erzählt? / Manche Kapitel sind eine Zeitreise zurück in die fünfziger und sechziger Jahre. Eine Innenansicht der öffentlichen Erziehung von Staat und Kirche aus der Sicht der Kinder. Wer in die Heime kam, war selten ein Waisenkind oder Krimineller. Es waren meist nichtige Gründe, die zur Einweisung in die Erziehungsanstalten führten Gründe, die ein gesellschaftliches Kartell bestimmte, zu dem Jugendbehörden, Gerichte, Lehrer, Nachbarn, Eltern und vor allem die damals noch einflussreichen Kirchen gehörten. / Sie legten fest, was gut und böse, wer brav und wer ungezogen war und ab wann ein Mädchen als sexuell verwahrlost zu gelten hatte. Sie verkündeten als eine Art Naturgesetz, dass die uneheliche Geburt eine Schande sei. / Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim! Diese Drohbotschaft bekamen damals Millionen junge Menschen zu hören. Am Ende wurden einige Hunderttausend Kinder und Jugendliche tatsächlich hinter den Mauern der staatlichen und kirchlichen Erziehungsanstalten zu dramatischen Verlierern des deutschen Wirtschaftswunders. Für sie fiel eine schwere Tür ins Schloss, hinter der sie die ganz anderen, die dunklen fünfziger Jahre erlebten. / Mit der medialen Verklärung dieser Zeit droht dem nationalen Gedächtnis eine Art kollektiver Amnesie, eine schiefe Optik in der Wahrnehmung der unmittelbaren Vorgeschichte unserer Gegenwart. Diese Jahre eignen sich einfach nicht für den sentimentalen Feuerzangenbowlen-Blick. / Die Verwirklichung von Kindesrechten, die zu den universellen Menschenrechten zählen, ist ein Maßstab für den Grad der Freiheit in einer Gesellschaft. / Deshalb schlägt sich dieses Buch auf die Seite der Opfer jener Zeit, der Kinder und Jugendlichen in den Heimen. Es berichtet von der dunklen Seite der Gründerjahre und des Wirtschaftswunders, von schwerwiegenden Demokratiedefiziten und von dem gesellschaftlichen Tabu, das verbot, offen über die Folgen eines systematischen Machtmissbrauchs in unserem Land zu reden. / Es ist ein Buch über Menschrechtsverletzungen in Westdeutschland. Wer bisher geglaubt hat, nur im Osten, in der DDR, seien Menschen gequält, misshandelt, gedemütigt, erniedrigt und ihrer Chancen beraubt worden, der kann aus den Opferberichten dieses Buches lernen, dass der Westen so viel besser auch nicht mit jenen umgesprungen ist, die sich der verordneten gesellschaftlichen Norm nicht fügen mochten. / Dieses Buch ist ein Befreiungsschlag von und für die Betroffenen, die sich erstmals öffentlich dazu bekennen, ein Heimkind gewesen zu sein. Sie wollen, dass damit endlich für viele Menschen ein lebenslang andauerndes Tabu fällt. Das Buch

Über den Autor



Peter Wensierski, geboren 1954, arbeitet seit 1993 im Deutschland-Ressort des "Spiegel". Als Dokumentarfilmer und Fernsehjournalist berichtete er zuvor über gesellschaftspolitische Themen aus Ost- und Westdeutschland. Für den Film "Mauerläufer" erhielt er 1986 den "Bundesfilmpreis". Zusammen mit Annette Bruhns veröffentlichte er 2004 bei der DVA das Buch "Gottes heimliche Kinder" mit Lebensberichten von Kindern katholischer Priester.


Klappentext



Ihr Schicksal ist kaum bekannt: Bis in die siebziger Jahre hinein wurden mehr als eine halbe Million Kinder sowohl in kirchlichen wie staatlichen Heimen Westdeutschlands oft seelisch und körperlich schwer mißhandelt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Viele leiden noch heute unter dem Erlebten, verschweigen diesen Teil ihres Lebens aber aus Scham - selbst gegenüber Angehörigen.
Manchmal genügte den Ämtern der denunziatorische Hinweis der Nachbarn auf angeblich unsittlichen Lebenswandel, um junge Menschen für Jahre in Heimen verschwinden zu lassen. In diesen Institutionen regierten Erzieherinnen und Erzieher, die oft einem Orden angehörten und als Verfechter christlicher Werte auftraten, mit aller Härte. Die »Heimkampagne«, ausgelöst von Andreas Baader und Ulrike Meinhof, und die Proteste der 68er brachten einen Wandel. Die Erlebnisberichte in diesem Buch enthüllen das vielleicht größte Unrecht, das jungen Menschen in der Bundesrepublik angetan wurde.


. Erste umfassende Darstellung der bis in die siebziger Jahre herrschenden skandalösen Zustände in kirchlichen und staatlichen Kinderheimen
. Erschütternde Erlebnisberichte von Betroffenen, die als Kinder traumatisiert wurden



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