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Der König von Korsika
Roman
Michael Kleeberg

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Produktbeschreibung

AUTOR: Michael Kleeberg

Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, studierte Politische Wissenschaften und Geschichte. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2008 als Mainzer Stadtschreiber. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen: "Ein Garten im Norden" (1998), "Der König von Korsika" (2001) und "Karlmann" (2007). 2010 erschien der Roman "Das amerikanische Hospital", der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und für den Michael Kleeberg 2011 den Evangelischen Buchpreis erhielt. Sein neuester Roman "Vaterjahre" wurde u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. 2016 erhielt Michael Kleeberg für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Begabt für das Leichte sein, an der Oberfläche der Dinge leben, dem Glück folgen: das war und tat Baron Theodor Neuhoff - bis er sich zum König von Korsika krönen ließ und daran scheiterte. Das Leichte ist so trügerisch wie vergänglich, Michael Kleebergs Roman ein sprachliches Meisterwerk.

Geheimagent, Liebhaber, hochstapelnder Alchimist und kaiserlicher Gesandter - Theodor Neuhoff läßt sich von den Wellen des Geschicks durch ganz Europa tragen, weiß zu parlieren, zu brillieren und zu blenden. Und wird am Ende Opfer der eigenen Selbstüberschätzung. Als er sich - überzeugt, die Politik sei ein Spiel - im April 1736 von korsischen Aufständischen zum König ausrufen läßt, ist sein Untergang besiegelt. Nach seinem großen Erfolg mit »Ein Garten im Norden« zeichnet Michael Kleeberg das Porträt eines Menschen in einer Wendezeit, dessen Ziele den unseren heute so gleichen: Geld, Liebe, Ruhm.

»Wenn es einen deutschen Schriftsteller der Gegenwart gibt, der die Erneuerung der deutschen Literatur aus dem Geist des Erzählens verkörpert, die uns die neunziger Jahre beschert haben, dann ist es Michael Kleeberg: Er ist gebildet, hat etwas von der Welt gesehen und begriffen, vor allem aber: Er wagt sich an die großen Themen, die er in Geschichten gießt, die man nicht vergessen kann, die einen durchs Leben zu begleiten vermögen.« Tilman Krause


1


Es herrschte Geselligkeit im Hause Pujol. Die Eichent?r im Erdgescho? das die Kontorr?e beherbergte, stand offen, gemietete Fackeltr?r leuchteten den Eintreffenden heim, als ob's dessen bedurft h?e bei all dem L? und den D?ften, die das spitzgieblige Haus verstr?mte. Die Glocke ging ohne Unterla? und das M?hen oben auf dem Treppenabsatz hielt die Arme auf und nahm M?el, Umh?e und H?te in Empfang.
Zwischen der K?che, wo Schweine und Fasane brieten und Pasteten garten, und dem Saal war ein stetes Kommen und Gehen der Aufw?er, deren schwankende Silbertabletts voller H?hnchen und Kuchen, Quiches, Weinkaraffen, Gl?rn und Bierhumpen fetten spanischen Galeonen glichen, die von korsarischen H?en schon leergepl?ndert waren, noch ehe sie ihren Bestimmungsort erreichten.
Gelbgr?ne Lichtsprenkel aus den Butzenscheiben scheckten den weiten, hohen Raum, Falbalas schabten ?bers geschrubbte Parkett, Rhingraves raschelten, wenn jemand sich verstohlen am Sack kratzte, f?elnde Damen gluckten an den samtbedeckten Ti-schen, pfeifeschmauchende M?er postierten sich vor dem Kamin. Wo stehen heut' die Preise f?r Wolle aus Verviers? Ist die Belagerung Br?ssels endlich aufgehoben? Habt ihr die Italiener schon gesehen? Zu teuer!
Ein spanischer Beamter br?tete w?rdig und schwarz auf einem Stuhl, dessen hohe, mit Schnitzereien verzierte R?cken- und Armlehnen ihm die Flanken und den Nacken freihielten, zwei franz?sische Obristen sowie eine Handvoll Gro?auern aus dem Hennegau und dem Limburgischen repr?ntierten das Gesch?, mehrere Pr?ten und Theologieprofessoren aus der Stadt den Geist.
Pujol, der mit Tuch und Textilien handelte, aber auch f?r das franz?sische Heer fourragierte und es mit Stiefeln, M?eln, Musketen und Pulver versorgte, thronte am Kopfende des gr??en Tisches, sprach den vor ihm ausgebreiteten Speisen herzhaft zu und erkl?e seinem Nachbarn mit einer den Saal, Gem?e, Draperien, M?bel, Kr?ge, Schnitzfiguren umfassenden Geste, die ?ber der Wachtel auf seinem Teller zum Stillstand kam, seine Liebe zu den Dingen, zu dem, was um ihn war, was man sehen, ber?hren, anfassen, riechen und schmecken konnte und was ihm geh?rte.
Er war ein rotwangiger, grauhaariger Mann in den F?nfzigern, der einen nach oben gezwirbelten Schnurrbart, dessen Spitzen seine schweren Tr?ns?e kitzelten, mit einem kleinen fusseligen Ziegenb?chen unter der fleischigen, gl?enden Unterlippe auspendelte, angetan mit einer schwarzen samtenen Prunkjacke, die mit farbigen, Blumenk?rbe, Rankenwerk und ?berquellende F?llh?rner darstellenden Stickereien verziert war. ?er den Revers breiteten sich, als hockten auf seinen Schultern zwei friedfertige wei? Tauben, die Spitzen des seinen Hals bis unters Kinn umschlie?nden Kragens aus, den, da der Hausherr zugleich a?und redete, mehrere braune So?nspritzer verunzierten.
In der Mitte des Saals hockten auf der Querstange eines meterhohen Pfostens aus hellgl?endem exotischem Holz zwei gro? Papageien, ein roter und ein blaugelber Ara, deren Schwanzfedern bis zum Boden reichten, goldene Kettchen um ihren rechten Fu? die sie am Aufflattern hinderten. Die schr?eneigten K?pfe ruckweise von links nach rechts und wieder zur?ck drehend, beobachteten sie mit ihren regelm?g blinzelnden runden ?glein das seltsame Treiben.
Pujol hatte die beiden V?gel als Geschenk aus ?ersee erhalten, bei Empf?en lie?er sie aus dem Bauer holen, in dem sie wochentags dahinvegetierten, und sie wurden begafft wie gefangene Negerh?tlinge. Der Kaufmann betrachtete sie mit demselben etwas schmatzenden Genu?wie die anderen Einrichtungsgegenst?e seines Heims, und mit einer eigent?mlichen Mischung aus Ehrfurcht und Verachtung.
Selbst nach Stunden noch glichen die Tiere sich nicht dem schwerbl?tig dunklen Dekor an und blieben ein schriller Farbtupfer aus einer uns?ich fremden Welt. Den Blick ihrer Knopfaugen ?berwachend, der leer war durch die Schwermut der Gefan-genschaft, empfand der Hausherr eine leise Abscheu wie gegen?ber allem und jedem, das von ihm abh?ig war und ungleich schw?er als er selbst, aber einer h?heren Sph? entstammte. Das bunte Kleid der Papageien wirkte wie ein hilfloser Protest, um so unleidlicher, je auftrumpfender er in seiner Str?ingsautonomie den Hausherrn provozierte.
Jetzt kniete ein junger Mann sich zu den V?geln und geriet ins Blickfeld Pujols, dessen Augen und Mundwinkel sich nicht bewegten.
Er hob den Zeigefinger, und der rote Ara ?ffnete den Schnabel und sagte: Al-fons ist scheen! Und der blaugelbe f?gte hinzu: Al-fons ist serr scheen!
Pujol nickte stumm. Man konnte den Viechern schwerlich widersprechen. Der braunhaarige, in elegant moirierendes einfaches Schwarz Gekleidete, wirkte inmitten der anderen G?e wie ein Quecksilberk?gelchen zwischen Bleimurmeln. Er war j?nger als die meisten, sein anmutiges klares Gesicht war eine Oase zwischen all den warzen-?bers?n, blatternarbigen, zwischen den Kolbennasen und Kropfkinns, den Schwartennacken und unreinen Aug?eln. Auch sein Gel?ter, seine aufflatternden wei?n Tauben gleichenden H?e, schieden ihn von den M?ern, deren Finger dazu dienten, Geld zu z?en oder Erde an den Mund zu heben, um ihre Fruchtbarkeit zu schmecken.
Alfons von Neuhoff stammte aus der westf?schen Grafschaft Mark, die unter dem Schutz des Kurf?rsten und Markgrafen von Brandenburg stand. Dort, in der N? des Dorfes Pungelscheid, befand sich das Schlo?- es wurde ein Schlo?genannt, war aber wohl eher ein Haus mit Fenstern und T?ren - von Donnersfurth-Bruchm?hle, wo die Freiherren von Neuhoff seit Generationen residierten. Er wohnte seit sechs Monaten als Logiergast im Hause Pujol, um in L?ttich die Gottesgelehrsamkeit zu studieren. Er war sechsundzwanzig Jahre alt und Leutnant der franz?sischen Armee. Er war der Zankapfel seiner ?ber die Ma?n auf ihn stolzen Eltern.
Das Leben im Schlo?von Donnersfurth-Bruchm?hle verhielt sich zu dem im Hause des Kaufmanns Pujol in L?ttich wie die Fasten- zur Karnevalszeit. Was waren die Neuhoffs letztlich anderes als Gro?auern und Waldbesitzer? Der Krieg hatte ihre Knechte get?tet, das Dorf verw?stet und die tributpflichtigen Kleinsassen in alle Winde verstreut. Der Krieg hatte die K?he geschlachtet und die Pferde requiriert. Der Krieg hatte den Wald abgeholzt und den Speicher in eine Kloake verwandelt. Der Krieg hatte Fensterl?n, Fuhrwerke, Tische und Schr?e mitgehen lassen. Im Gem?segarten wucherten die Disteln. Es gab mehr Galgen als B?e, die Gesichter der Geh?ten waren flatternde, fl?gelschlagende Kr?nnester, und noch immer marodierten Truppenteile und Freikorps durch die Gegend, erstachen M?er, schlitzten ungetauften S?lingen die B?he auf, um ihrer Seele den Flug ins Fegfeuer zu erleichtern, und pf?ten die Frauen - es war eine wilde, versteppte ?nis, durch die der fanatische Singsang der wandernden M?nche und das Geklingel der Pestkranken hallte wie ?ber eine leere B?hne.
Alfons' Gro?ater hatte noch in der franz?sischen Armee gedient und hielt aus jener Zeit ein Offizierspatent. Sein Vater, dessen Nase aus dem Golilla-Kragen ragte wie eine Muskete ?ber die Brustwehr, kannte den Krieg zwar nur als Knabe, war aber, wie das h?ig vorkommt, eher noch martialischer gestimmt als der aktive Milit? Seine soldatische Kleidung war vor f?nfzig Jahren in Mode gewesen, aber wer k?mmerte sich um Mode in Donnersfurth-Bruchm?hle? Wer scherte sich dort um Manieren, Tischsitten, um alles, was die Friedenszeit, die Stadt und der Austausch mit anderen an Verfeinerung hervorbringen?
Um so erstaunlicher war es, da?Alfons in dem ru?chwarzen modrigen Haus zu einer Lebendigkeit, Grazie und einem hellen Glanz heranwuchs, der wie ein unerkl?icher Vor- oder R?ckgriff in bessere Zeiten ?ber mehrere Generationen hinweg erschien. Es mi?iel seinem Vater, da?sein Sohn gerne bei den Frauen sa? mit abgespreiztem kleinem Finger Schokolade trank und seine Aufmerksamkeiten und seinen Charme salomonisch auf die j?ngeren und die ?eren verteilend, ein hauchzartes Spinnennetz aus Zuvorkommenheit und kleinen histoires wob, in dem die Weiber kleben blieben, so da?sie ihn gar nicht mehr fortlassen wollten.
Er lernte Franz?sisch und Latein schneller als Reiten; Holzhacken und Biersaufen lernte er nie, und sein Vater kaufte ihn, um seine M?lichkeit zu st?en, als Leutnant in die Armee K?nig Ludwigs ein. Seine Mutter dagegen, die ihren Sohn hielt wie eine Lichtmonstranz in einem Tabernakel, hatte davon getr?t, einen Kirchenmann aus ihm zu machen, wenn auch von anderer Art als die kr?ngleichen Kapuziner mit ihren totenbleichen oder zornroten Fanatikergesichtern, die durch das w?ste Land zogen wie Sensenm?er, oder die zwiebacktrockenen Pastoren, die seit dem obrigkeitlich verf?gten Konfessionswechsel mit ihren schwinds?chtigen Frauen und zw?lf Kindern die Pfarrh?er des Sprengels okkupierten.
Am Jesuitenkolleg in L?ttich verglich Alfons mit seinen Patres auf lateinisch die Meriten der Montespan mit denen der Maintenon und der Lavalli?. Die Abende bei Wein, Karten und W?rfeln im Hinterzimmer des St?esaals endeten im Morgengrauen, und im Hause Pujol ging er ein und aus, eine Mischung aus Sohn und ?erem Bruder f?r die junge Amalia, Ehrengast und Zierde des b?rgerlichen Heims und mit jovialer Miene ertragener Beschwernis.
Alfons war vor allem erleichtert, den Zw?en des d?steren, strengen, ?lichen und grobianischen Lebens von Donnersfurth-Bruchm?hle entronnen zu sein. Die wohlhabende, unzerst?rte, bunte und hektische Stadt an der Maas mit ihren laut schreienden H?lern, leichten M?hen, geistreichen Jesuiten und gediegen eingerichteten B?rgerh?ern war Alfons' Boh?; der Leutnantstitel brachte au?r einigen Pflichtaufenthalten bei der Garnison von Metz keinerlei B?rden mit sich, und nach einer steifen Jugend voller Erz?ungen von Mord, Krieg, Not und Elend geno?er den Wartezustand, als den er sein Leben selbst empfand, hier in dieser komfortabel ausgestatteten Zwischenwelt in vollen Z?gen. Er empfand ein Recht auf Sorglosigkeit und hatte, wie es vielen charmanten jungen M?ern ergeht, die nur das L?eln sehen, das sie auf die Gesichter in ihrer Umgebung zaubern, den Eindruck, die Welt gestehe es ihm gutwillig und freudig zu und empfinde nicht, da?er etwa von jemandes Langmut profitiere, sondern vielmehr, da?jeder Dienst zugunsten seines leichten Lebens auch den Geber leichter und fr?hlicher stimmen m?sse.
Der Hauptgl?iger von Alfons' Existenz in L?ttich war der alte Pujol, zu dem der junge Mann, die Zunge im Mundwinkel, das Verh?nis eines Sohnes zugleich kultivierte und spielte. Er bewunderte die finanzielle Bewegungsfreiheit, in der der Kaufmann lebte wie in einer bequemen Strickweste, wohingegen seinen Vater die blecherne R?stung seiner Armutsprinzipien eng und kalt umschlossen hielt. Ein Ehrenmann war er selbst, das vermi?e er nicht an seinem Wirt, aber dessen weltoffenes Parlando, seine F?gkeit, zu jedem Thema etwas beizusteuern - nichts Weltbewegendes, aber einfach die Z?e auseinander zu bekommen -, gestaltete das Leben so viel angenehmer. Pujol machte Alfons den Eindruck eines Mannes, der zu seiner Zeit geh?rig ?ber die Str?e geschlagen und F?nfe hatte gerade sein lassen und der ?lichen Anwandlungen bei einem jungen Mann mit von selbstzufriedener Erinnerung getr?tem Wohlwollen gegen?berstand.
Wenn er ihn um Stundung des Mietzinses anging oder beim Wein von seinen Spielschulden erz?te, reagierte Pujol mit einer solch abwinkenden komplizenhaften Selbstverst?lichkeit - aber Baron, reden wir doch nicht von solchen Dingen; aber mein lieber Alfons, ich wei?doch ganz genau, was solche momentanen Verlegenheiten sind, ein Wort mehr, und Sie beleidigen mich, junger Freund! -, da?das westf?sche Prinzlein zu Zeiten ?berzeugt war, es tue dem Hausherrn einen Gefallen, indem es ihn an seiner Stelle bezahlen oder sich Geld vorstrecken lie?
Auf eine kompliziertere Weise, als er dachte, hatte Alfons damit nicht unrecht. Pujol empfand eine ehrliche Zuneigung zu dem jungen Galant. Bei einer Geselligkeit wie der heutigen war seine h?bsche Larve, seine sorglose gute Laune ihr Geld wert. Auch war es dem verwitweten Kaufmann angenehm, abends nach Tisch einmal M?ergespr?e f?hren zu k?nnen. Die zutrauliche Vater-Sohn-Mystifikation, in der Alfons sich gefiel und die er durch einen feinen Abstand der F?rmlichkeit davor bewahrte, mi?erst?lich zu werden, machte Pujol aus demselben Grund wie dem J?ngeren Spa? Es fehlte ihr das Element der Verantwortung.
Die unsichtbare Grenze ?berschritt der junge Neuhoff nur, wenn er sich in finanzieller Verlegenheit befand, da er bei seinem Gegen?ber keinen Widerstand sich regen sp?rte, allerdings geschah dies immer ?fter. Das erste und vielleicht noch das zweite Mal hatte Pujol aus H?flichkeit vorgestreckt, das dritte und vierte Mal, weil die fr?heren Vorsch?sse irgendwann zur?ckgezahlt worden waren. Das f?nfte Mal, weil - nicht obwohl - Alfons s?ig geblieben war und der Kaufmann feststellte, da?das Bilanzungleichgewicht ihn in diesem Fall nicht ?erte, sondern ihn vielmehr mit einer bislang unbekannten Genugtuung erf?llte. Nicht da?er sich mit den Fuggern oder Medici h?e vergleichen wollen, die Gr??nverh?nisse stimmten auf beiden Seiten nicht, aber sich etwas leisten zu k?nnen, was nichts einbrachte, war nicht jedermann m?glich, und ohne da?Pujol seine Gedanken bis auf den Grund zu analysieren in der Lage gewesen w?, schien ihm doch, der Zustand habe etwas mit Zeitenwende und Wertewandel zu tun, und zwar gerade, weil er kein Fugger war und der junge Neuhoff nur ein unbedeutender Landedelmann. Manchmal dachte er sogar solche Spitzfindigkeiten, wie, da?Alfons, dieser feine Kopf, ihm durch sein taktloses Finanzgebaren wom?glich freiwillig eine moralische Kompensation daf?r zuschusterte, ihn als feilen Geldmenschen nicht so hoch achten zu k?nnen, wie er es vielleicht gew?nscht h?e, ihm also quasi eine Trumpfkarte ?berlie? als sei sein eigenes Blatt gespickt davon, obwohl oder weil es das keineswegs war. Dieses Obwohl-oder-Weil markierte Pujols Verst?nisgrenze. Allerdings h?e auch Alfons keine Antwort auf diese Frage gewu?.
Noch immer verharrten Pujols schwarze Augen auf dem neben den Papageien knienden und sie neckenden Neuhoff.
Barroon, fragte der rote Ara kr?zend, ist es richtig, da?alle Naturerscheinungen sich aus Bewegung und Ausdehnung erkl?n lassen?
Gib K??hen! rief der Blaugelbe. Die Materie ist tr?, behaupte ich als Gassendianer.
Wovon reden diese Tiere? wurde Alfons gefragt.
Von der Leibniz'schen Monadenlehre, erkl?e der Baron. Aber sie verstehen sie nicht richtig.
Monaden sind Seelen! qu?e der Gassendianer.
Dar?ber wandte die Aufmerksamkeit der G?e sich einem jungen M?hen zu, das, eine Viola da Gamba im Arm, err?tend den Raum durchquerte und das Musikzimmer betrat. Die G?e, einschlie?ich Alfons, der sie begleiten sollte, folgten ihr, w?end Pujol unschl?ssig am Tisch sitzenblieb. Er erwartete noch jemanden.
Das schwarzgelockte junge M?hen war Amalia, die Tochter des Hauses. Sie trug ein bodenlanges, am Hals hochgeschlossenes und mit Spitzen besetztes Kleid und schlug vor den dr?elnden, starrenden Freunden des Hauses auf entz?ckend keusche Weise die langbewimperten Augen nieder. Sie war hochgewachsen und schlank, und das wei? Kleid, das sich nach unten hin weitete und bauschte und beim Gehen wie Meereswellen ondulierte, aus denen eine Najade ans Ufer watet, umschlo?ihren K?rper wie eine Metapher: alles ausdr?ckend, nichts preisgebend. Ihr Gang, ein wenig breitbeinig, fast seem?isch wiegend und plattf??g, widersprach dem Bild einer Dame, ohne dem Eindruck des Reizvollen Abbruch zu tun, genauso wie Amalias ungezupfte, von Natur aus kr?ige Augenbrauen, accents, die je nach Gem?tsbewegung aigu oder grave standen und ihre ganze Mimik beherrschten, so da?der Betrachter sich zun?st nur auf sie konzentrierte, bevor er die Augen selbst und die rosigen Lippen wahrnahm. Dieser dichten und beweglichen Brauen wegen durfte man sie schwerlich eine Sch?nheit ?a mode nennen, aber, sagte sich Alfons, was gibt es Langweiligeres als die Perfektion?
Die widerspr?chlichen Eindr?cke setzten sich fort, sobald Amalia auf ihrem Schemel sa?und zu spielen begann. [?]




2


Zehn Jahre sp?r war Amalia von Neuhoff eine schwarzgekleidete, drei?gj?ige Ma-trone, deren strenger Stolz ihr nicht gestattete, die Augen niederzuschlagen, um ihr den Anblick ihrer Holzschuhe im Kot der schlammigen Karrenwege zu ersparen, und deren Lippen so fest geschlossen waren wie die Tore einer belagerten Stadt, die geschworen hat, eher unterzugehen, als sich zu ergeben. Amalias Feind war das Leben, oder besser gesagt, die Umst?e ihres Lebens. Die ignorierte sie ver?tlich, und was sich nicht ignorieren lie? dem gestand sie keine tiefere Wirklichkeit zu.
Dies Leugnen ging Hand in Hand mit einem Trotz und einem Beleidigtsein, die sich in einem k?niglichen Gang ausdr?ckten und sie mit einer subtilen Form von Blindheit schlugen, denn auch noch nach zehn Jahren in dem erb?lichen Dorf, an dessen Rand sie mit ihren halbwaisen Kindern lebte, erkannte sie kaum einen ihrer Nachbarn wieder.
Zu dieser stolzen Leugnung der Welt gesellte sich aber auch der Wille, sie ihren Kindern untertan zu machen, wobei es nicht immer ganz klar war, ob sie mit der Welt, f?r die sie die zwei, vor allem aber ihren Sohn erzog, diejenige meinte, die hinter ihrem trotzigen Blick und ihrem vern?en Mund existieren mu?e, oder die tats?liche, durch die ihre schlammbespritzten Schuhe patschten und die sie zutiefst verachtete.
Der Graf von Mortagne, der den gr??en Teil des Jahres bei Hofe verbrachte, hatte vom heiligm?gen Leben der deutschen Baronin geh?rt, und zwar von seiner Frau, einer ?berzeugten Provinzlerin, der nichts entging, was sich auf dem Lande zutrug.
Sie schrieb ihrem Gatten, mit dem sie ein haupts?lich epistol?s und daher harmonisches Eheleben f?hrte: ??und ?brigens spricht hier jeder von einer Dame aus offenbar deutschem Adel, die v?llig verarmt in einer Strohh?tte leben und, w?end sie kein Kleid zum Wechseln besitzt, doch all ihre Zeit und Energie, der Erziehung ihrer zwei Kinder und den Armen und Kranken des Kantons widmen und keine Messe ver-s?en soll. Die Bauern nennen sie die ?Schwarze Madonna?, da sie nicht davon abzubringen ist, Trauer zu tragen, obwohl ihr Mann, ein Offizier der k?niglichen Armee, schon vor Jahren das Zeitliche segnete, wenn ich recht informiert bin. W? das nicht eine Herausforderung an deine ber?hmte g?rosit?Vor allem da die Dame angeblich unter ihren Lumpen eine Sch?nheit sein soll und dein idealistisches Streben nicht mit deinem Sinn f?r ?thetik in Konflikt geraten m??e.?
Nicht alle Informationen in diesem Brief entsprachen den Tatsachen, so lebte Amalia keineswegs in einer Strohh?tte, sondern in einem zweist?ckigen Haus mit Fenstern, einem Paar Kaminen, einem gepflegten Garten, und litt auch keinen Mangel an Toilette, aber vermutlich h?e es sie nicht gest?rt, so gesehen zu werden, denn ein derartiger Zustand w?rde zum schlechten Gewissen der Welt ihr gegen?ber beigetragen haben, das sie best?ig einforderte.
Schmallippig bestand sie darauf: Wenn die Welt mir die Mittel verweigert, das zu tun, was ich dennoch tue, um so schlimmer f?r die Welt.
Schuldbewu? sah die Welt sie f?r die ?msten des Sprengels der eigenen Bed?rftigkeit abgetrotzte Wunder an k?hler N?stenliebe und unpers?nlicher F?rsorge tun, aber da es in Gelddingen keine Wunder gibt, war Amalia Neuhoff, als Mortagne auf den Plan trat, bis ?ber den Kopf verschuldet, beim B?er so gut wie bei der Bank, der sie ihr Haus verpf?et hatte, und wenn sie noch frei herumlief, so eigentlich nur deswegen, weil es ihr gelang, ihre Gl?iger Scham dar?ber empfinden zu lassen, da?diese Frau ihnen Geld schuldete.
Amalia schritt einfach die herrliche Bogenbr?cke ?ber den Abgrund des Lebens, die Alfons in den gl?cklichen Stunden ihrer Liebe beschrieben und entworfen hatte, voran, ihre Kinder fest an der Hand, und die Tatsache ver?tlich ignorierend, da?diese Br?cke eigentlich gar nicht existierte. Der Graf von Mortagne beeilte sich, zumindest einen Steg unter den bislang zur?ckgelegten luftigen Weg zu zimmern, und ging dann daran, eine Prachttreppe zu erbauen, die ohne Verlust an Stolz zu beschreiten war und zur?ck und hinab auf den Boden der Tatsachen f?hrte.
Seine Kindheit hindurch liebte Theodor seine Mutter wie eine Frucht den Baum liebt, an dem sie h?t, und Amalia liebte ihren Sohn wie ein Baum die einzige Frucht, die er tr?. Sie war ?berzeugt, da?das Schicksal ausschlie?ich eine Konsequenz des Charakters ist, und da ihr Sohn ein Abbild ihres verewigten Gatten war, die gleichen sanften Augen, dasselbe fellweiche dunkle Haar, die vollen Lippen, bem?hte sie sich, den Charakter Theodors von den Schlacken der v?rlichen Schw?en zu reinigen. Denn dies war Amalias Glaube: Auserw?te sind keine M?yrer. Wer Lorbeeren erwerben will, mu?zun?st einmal dauern und ?berleben und durfte sich nicht, wie Alfons, einfach dahinraffen lassen, als h?e es sonst keinen gegeben, der mit dem Sterben an der Reihe war.
Solange die Kinder noch klein waren, bestand die Erziehung ihrer Mutter aus-schlie?ich in Erz?ungen. Deren zwei einzige Helden (denn Amalias Stolz wurde h?chstens noch von der Beschr?theit ihrer Bildung ?berboten; von Odysseus hatte sie so wenig geh?rt wie von Lancelot, Parzival und seinem gestreiften Halbbruder Feirefitz, Iwein dem L?wenritter oder gar Don Quichotte) waren Alfons und Theodor selbst.
Es war ein f?nftes Evangelium, das der sechsj?ige Theodor gepredigt bekam, in welchem er selbst die Hauptrolle des g?ttlichen Kindes spielte, und so setzte sich die ?erzeugung in ihm fest, er m?sse dieses Buch zu einem guten Ende bringen, indem er seinen Vater in der Verantwortung f?r das Gl?ck der Mutter beerbte.
Manchmal aber in der Intimit?des gegenseitigen Anschauens, das sich mit der Zeit zu einem wechselseitigen Durchschauen steigerte, beklagte Amalia sich bei ihrem Sohn bitter ?ber Alfons, der sie alleine in diesem Jammertal zur?ckgelassen hatte. Dann wieder schien sie mitten in den intimen Tr?ereien mit ihrem kleinen Sohn pl?tzlich aus dem Schlaf zu schrecken und musterte Theodor verbl?fft und mit einem fast angeekelten Ausdruck, als bemerke sie, wie absurd die Schim? war, ein Kind k?nne einen Ehemann ersetzen. Nahm Theodor diese unvermittelten Ab- oder Anwesenheiten f?r einen Ausdruck von Witwentrauer und erk?hnte sich, seinen Trost mit zwei, drei die Gloriole seines Vaters relativierenden Wendungen zu versehen (w?rtlichen Wiederholungen von Amalias Klagen), fuhr sie ihm ?ber den Mund oder schlug ihn darauf und begann dann aus Verzweiflung dar?ber zu weinen, da?der Sohn das Andenken des Verkl?en beschmutzte.
Dennoch wurde Theodor die Gesellschaft seiner Mutter nie ?ber. Sie ersetzte ihm nicht etwa die Welt, sie war ihm die Welt, und deren Pole waren seine eigene Gr?? und Nichtigkeit. Er sah keine Notwendigkeit, sich nach einer anderen umzutun, lebte best?ig in ihren Erinnerungen und Visionen. Die Gegenwart war lediglich ein bequemer Hochsitz, von dem aus man die Aussicht auf Vergangenheit und Zukunft geno?
Ohne den Mund zu ?ffnen, redete er unaufh?rlich mit verteilten Rollen, f?hrte regelrechte Gesamtkunstwerke eines erfundenen Lebens auf; er war mit Haut und Haaren in Amalias Gegenwelt eingetreten. [?]




3


Es war der Tag des Abschieds, morgen fr?h w?rde Mortagnes Equipage eintreffen und eine neue Existenz beginnen. Mit einem Mal schien alles schnell gegangen zu sein, das ganze Leben. Das Haus, der Garten, alles wurde fl?ssig unter seinem loslassenden Blick, alles erbla?e wie in zu heller Sonne, und Theodor fragte sich, ob das, was seine Augen nicht mehr sahen, fortbestehen werde, oder ob die Welt hinter jedem seiner Schritte zu Nichts zerfiel.
Er beobachtete seine Schwester bei der Gartenarbeit und empfand ein wohliges Gef?hl im Nacken, als werde er gekrault. Sie kniete auf der Erde und zupfte Unkraut und bemerkte ihn nicht. Er betrachtete die stille Hingabe und Konzentration mit neidlosem Wohlgefallen, so wie ein Handwerksmeister das K?nnen des Kollegen einer anderen Zunft sch?en mag. Ihre Zunft war das Leben.
Am?e war seine einzige Vertraute, sein einziger Freund, er liebte und bewunderte jedes ihrer seltenen Worte, jede ihrer in sich ruhenden Bewegungen. Wieviel sch?ner, lehrreicher und ergiebiger als alles Nachdenken war dieser K?rper, der da im grauen Kattunrock vor dem Beet kniete, dieses herzf?rmige Gesicht, das zum Schutz vor der Nachmittagssonne unsichtbar im Schatten eines breitkrempigen Strohhuts lag! Diese sehnigen, braungebrannten Unterarme und die kr?igen H?e, die ?ber die trockene Erde glitten, am Fu?eines L?wenzahns zu graben begannen und dann mit einem Ruck die Wurzel ausrissen, die wie ein nackter wei?r Wurm aussah und fast eine Elle ma? Neben ihr stand der gro? Korb aus Weidenruten, in den sie das ausgerupfte Unkraut warf, und den sie, wenn er voll war, unter den Arm nahm und auf ihren Holzpantinen, von ihrem Schatten gefolgt, zum Komposthaufen trug, w?end Theodor die angespannten Muskeln und Sehnen auf ihrem den bauchigen Korb umfassenden Arm betrachtete. [...]
Was war dann geschehen? Schon sa?er auf dem Kutschbock von Mortagnes Kalesche, durchquerte den Argonnerwald, dessen Buchenst?e wie oxydiertes Kupfer leuchteten, tauchte vom lothringischen Plateau hinab ins sonnenhei? Tal der Marne. Dort hinten zeichneten sich die Rauchs?en der Kircht?rme von Chalons im Lichtdunst ab. Was war geschehen? Er hatte heimlich das enge Korsett angelegt, in dem er schwitzte und das ihm die Reise zur Qual machte, aber in dem er f?r Mortagne und alle Welt so schlank und nobel aussah. Er hatte in den Armen seiner Mutter gelegen, die ihn den ganzen Vormittag ?ber angesehen hatte, als lese sie in einem Buch, das sie auswendig kannte. Wie sah sie eigentlich aus? Wom?glich hatte er vers?t, ihr Bild so in sich aufzunehmen, da?er es nie vergessen w?rde? Was hatten sie einander zum Abschied gesagt? Und Am?e? Fort war sie, alles schon fort und wie nie gewesen, und er schwor sich, sobald wie m?glich zur?ckzukehren und auch dieses Leben, das nur unterbrochen war, weiterzuleben, neben dem neuen, zu dem es ihn jetzt hinzog.
Im Gasthaus, wo sie einkehrten und die Pferde gewechselt wurden, starrte eine Magd ihn unverbl?mt an, ging dann beh?g und breitbeinig in die Scheune und sah sich noch zweimal ?ber die Schulter nach ihm um.
Einmal fuhren sie an l?wenzahngelben Wiesen vor?ber, Schafe weideten verstreut, und im Gras lag eine Hirtin im braunen Kleid und hielt einen Halm im Mund. Wie seltsam der Anblick dieses M?hens ihn ber?hrte, dessen Leben er ebensogut f?hren k?nnte wie das eigene. Er hatte das Gef?hl, seine Seele k?nne m?helos aus seinem K?rper in den einer dieser Gestalten am Wegesrand fahren, des Anglers oder Lastkahnschleppers auf dem Treidelpfad.
Mortagnes rumpelnde Kutsche ri?ihn fort durch Raum und Zeit, er wu?e nicht einmal mehr, ob er sich ?berhaupt von Mutter und Schwester verabschiedet hatte. Was w?rde aus ihnen werden, wenn er fort war?
Die Jugend ist vor?ber, Baron, rief Mortagne, als sie ihre Zimmer aufsuchten. Morgen abend sind wir in Versailles.
Geheimagent, Liebhaber, hochstapelnder Alchimist und kaiserlicher Gesandter - immer an der Oberfläche der Dinge lebend, läßt sich der deutsche Baron Theodor Neuhoff vom Schicksal durch ganz Europa treiben. Er weiß zu parlieren, zu brillieren und zu blenden. Als er sich - überzeugt, die Politik sei ein Spiel - 1736 von Aufständischen zum König von Korsika ausrufen läßt, ist sein Untergang besiegelt, wird er Opfer seiner eigenen Selbstüberschätzung.
Michael Kleebergs neuer Roman - ein sprachliches Meisterwerk.
Begabt für das Leichte sein, an der Oberfläche der Dinge leben, dem Glück folgen: das war und tat Baron Theodor Neuhoff - bis er sich zum König von Korsika krönen ließ und daran scheiterte. Das Leichte ist so trügerisch wie vergänglich, Michael Kleebergs Roman ein sprachliches Meisterwerk.

Geheimagent, Liebhaber, hochstapelnder Alchimist und kaiserlicher Gesandter - Theodor Neuhoff läßt sich von den Wellen des Geschicks durch ganz Europa tragen, weiß zu parlieren, zu brillieren und zu blenden. Und wird am Ende Opfer der eigenen Selbstüberschätzung. Als er sich - überzeugt, die Politik sei ein Spiel - im April 1736 von korsischen Aufständischen zum König ausrufen läßt, ist sein Untergang besiegelt. Nach seinem großen Erfolg mit »Ein Garten im Norden« zeichnet Michael Kleeberg das Porträt eines Menschen in einer Wendezeit, dessen Ziele den unseren heute so gleichen: Geld, Liebe, Ruhm.

»Wenn es einen deutschen Schriftsteller der Gegenwart gibt, der die Erneuerung der deutschen Literatur aus dem Geist des Erzählens verkörpert, die uns die neunziger Jahre beschert haben, dann ist es Michael Kleeberg: Er ist gebildet, hat etwas von der Welt gesehen und begriffen, vor allem aber: Er wagt sich an die großen Themen, die er in Geschichten gießt, die man nicht vergessen kann, die einen durchs Leben zu begleiten vermögen.« Tilman Krause


Kleeberg, Michael
Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, studierte Politische Wissenschaften und Geschichte. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2008 als Mainzer Stadtschreiber. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen: "Ein Garten im Norden" (1998), "Der König von Korsika" (2001) und "Karlmann" (2007). 2010 erschien der Roman "Das amerikanische Hospital", der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und für den Michael Kleeberg 2011 den Evangelischen Buchpreis erhielt. Sein neuester Roman "Vaterjahre" wurde u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. 2016 erhielt Michael Kleeberg für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.
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Es herrschte Geselligkeit im Hause Pujol. Die Eichent_r im Erdgescho_ das die Kontorr_e beherbergte, stand offen, gemietete Fackeltr_r leuchteten den Eintreffenden heim, als ob's dessen bedurft h_e bei all dem L_ und den D_ften, die das spitzgieblige Haus verstr_mte. Die Glocke ging ohne Unterla_ und das M_hen oben auf dem Treppenabsatz hielt die Arme auf und nahm M_el, Umh_e und H_te in Empfang.
Zwischen der K_che, wo Schweine und Fasane brieten und Pasteten garten, und dem Saal war ein stetes Kommen und Gehen der Aufw_er, deren schwankende Silbertabletts voller H_hnchen und Kuchen, Quiches, Weinkaraffen, Gl_rn und Bierhumpen fetten spanischen Galeonen glichen, die von korsarischen H_en schon leergepl_ndert waren, noch ehe sie ihren Bestimmungsort erreichten.
Gelbgr_ne Lichtsprenkel aus den Butzenscheiben scheckten den weiten, hohen Raum, Falbalas schabten _bers geschrubbte Parkett, Rhingraves raschelten, wenn jemand sich verstohlen am Sack kratzte, f_elnde Damen gluckten an den samtbedeckten Ti-schen, pfeifeschmauchende M_er postierten sich vor dem Kamin. Wo stehen heut' die Preise f_r Wolle aus Verviers? Ist die Belagerung Br_ssels endlich aufgehoben? Habt ihr die Italiener schon gesehen? Zu teuer!
Ein spanischer Beamter br_tete w_rdig und schwarz auf einem Stuhl, dessen hohe, mit Schnitzereien verzierte R_cken- und Armlehnen ihm die Flanken und den Nacken freihielten, zwei franz_sische Obristen sowie eine Handvoll Gro_auern aus dem Hennegau und dem Limburgischen repr_ntierten das Gesch_, mehrere Pr_ten und Theologieprofessoren aus der Stadt den Geist.
Pujol, der mit Tuch und Textilien handelte, aber auch f_r das franz_sische Heer fourragierte und es mit Stiefeln, M_eln, Musketen und Pulver versorgte, thronte am Kopfende des gr__en Tisches, sprach den vor ihm ausgebreiteten Speisen herzhaft zu und erkl_e seinem Nachbarn mit einer den Saal, Gem_e, Draperien, M_bel, Kr_ge, Schnitzfiguren umfassenden Geste, die _ber der Wachtel auf seinem Teller zum Stillstand kam, seine Liebe zu den Dingen, zu dem, was um ihn war, was man sehen, ber_hren, anfassen, riechen und schmecken konnte und was ihm geh_rte.
Er war ein rotwangiger, grauhaariger Mann in den F_nfzigern, der einen nach oben gezwirbelten Schnurrbart, dessen Spitzen seine schweren Tr_ns_e kitzelten, mit einem kleinen fusseligen Ziegenb_chen unter der fleischigen, gl_enden Unterlippe auspendelte, angetan mit einer schwarzen samtenen Prunkjacke, die mit farbigen, Blumenk_rbe, Rankenwerk und _berquellende F_llh_rner darstellenden Stickereien verziert war. _er den Revers breiteten sich, als hockten auf seinen Schultern zwei friedfertige wei_ Tauben, die Spitzen des seinen Hals bis unters Kinn umschlie_nden Kragens aus, den, da der Hausherr zugleich a_und redete, mehrere braune So_nspritzer verunzierten.
In der Mitte des Saals hockten auf der Querstange eines meterhohen Pfostens aus hellgl_endem exotischem Holz zwei gro_ Papageien, ein roter und ein blaugelber Ara, deren Schwanzfedern bis zum Boden reichten, goldene Kettchen um ihren rechten Fu_ die sie am Aufflattern hinderten. Die schr_eneigten K_pfe ruckweise von links nach rechts und wieder zur_ck drehend, beobachteten sie mit ihren regelm_g blinzelnden runden _glein das seltsame Treiben.
Pujol hatte die beiden V_gel als Geschenk aus _ersee erhalten, bei Empf_en lie_er sie aus dem Bauer holen, in dem sie wochentags dahinvegetierten, und sie wurden begafft wie gefangene Negerh_tlinge. Der Kaufmann betrachtete sie mit demselben etwas schmatzenden Genu_wie die anderen Einrichtungsgegenst_e seines Heims, und mit einer eigent_mlichen Mischung aus Ehrfurcht und Verachtung.
Selbst nach Stunden noch glichen die Tiere sich nicht dem schwerbl_tig dunklen Dekor an und blieben ein schriller Farbtupfer aus einer uns_ich fremden Welt. Den Blick ihrer Knopfaugen _berwachend, der leer war durch die Schwermut der Gefan-genschaft, empfand der Hausherr eine leise Abscheu wie gegen_ber a

Über den Autor



Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, studierte Politische Wissenschaften und Geschichte. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2008 als Mainzer Stadtschreiber. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen: "Ein Garten im Norden" (1998), "Der König von Korsika" (2001) und "Karlmann" (2007). 2010 erschien der Roman "Das amerikanische Hospital", der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und für den Michael Kleeberg 2011 den Evangelischen Buchpreis erhielt. Sein neuester Roman "Vaterjahre" wurde u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. 2016 erhielt Michael Kleeberg für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.


Klappentext



Begabt für das Leichte sein, an der Oberfläche der Dinge leben, dem Glück folgen: das war und tat Baron Theodor Neuhoff - bis er sich zum König von Korsika krönen ließ und daran scheiterte. Das Leichte ist so trügerisch wie vergänglich, Michael Kleebergs Roman ein sprachliches Meisterwerk.

Geheimagent, Liebhaber, hochstapelnder Alchimist und kaiserlicher Gesandter - Theodor Neuhoff läßt sich von den Wellen des Geschicks durch ganz Europa tragen, weiß zu parlieren, zu brillieren und zu blenden. Und wird am Ende Opfer der eigenen Selbstüberschätzung. Als er sich - überzeugt, die Politik sei ein Spiel - im April 1736 von korsischen Aufständischen zum König ausrufen läßt, ist sein Untergang besiegelt. Nach seinem großen Erfolg mit »Ein Garten im Norden« zeichnet Michael Kleeberg das Porträt eines Menschen in einer Wendezeit, dessen Ziele den unseren heute so gleichen: Geld, Liebe, Ruhm.

»Wenn es einen deutschen Schriftsteller der Gegenwart gibt, der die Erneuerung der deutschen Literatur aus dem Geist des Erzählens verkörpert, die uns die neunziger Jahre beschert haben, dann ist es Michael Kleeberg: Er ist gebildet, hat etwas von der Welt gesehen und begriffen, vor allem aber: Er wagt sich an die großen Themen, die er in Geschichten gießt, die man nicht vergessen kann, die einen durchs Leben zu begleiten vermögen.« Tilman Krause


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