Die Tribus waren Stimmbezirke im alten Rom, die die ZusammenSetzung einer besonderen Form der Volksversammlung, der Tributkomitien, bestimmten. Diese Untersuchung von Ursprung (ca. 600 v.Chr.), früher Entwicklung (bis 450 v.Chr.) und geographischer Lage bezieht andere mediterrane Kulturen und ihre Institutionen (griechische Phylen, umbrische trifu) ein. Es wird gezeigt, dass die frühen Tribus auf das engste mit der Entstehung einer griechisch beeinflussten städtischen Kultur in Rom und im südlichen Etrurien verbunden waren.
Dr. Michael Rieger ist Lehrer in Herford und Dozent für Geschichte an der Universität Bielefeld.
IV. Die Landtribus (S. 345-346)
1. Die Forschung
1.1. Zweiphasige Gründung nach 495/493
Während die Entstehung der Stadttribus in der Herrschaft des Servius Tullius als wahrscheinlich gilt, ist der Entstehungszeitpunkt der alten Landtribus in der Forschung zumeist umstritten. Eine kritische Richtung datierte die Gründung der meisten alten Landtribus in das 5. Jahrhundert. Für Andreas Alföldi ist das livianische Datum 495 v.Chr., das die Existenz von 21 Tribus, vier Stadt- und 17 Landtribus voraussetzt und dem zwei Jahre später ein Zensus der erweiterten Bürgerschaft folgte, untrennbar mit der gefälschten Datierung der Einwanderung der gens Claudia verbunden. Er hielt eine Gründung der bei Fidenae gelegenen Tribus Claudia im Jahr 495 v.Chr. für unwahrscheinlich, da Rom zu diesem Zeitpunkt gerade einen schweren Krieg gegen die Latiner überstanden habe und es nicht hätte wagen können, sich nach Norden gegen die Etruskerstadt Veji zu wenden, das über Fidenae die Tiberschiffahrt kontrolierte. Erst der Untergang von Fidenae im Jahre 426 v.Chr. sei ein "tödlicher Schlag für Veji" gewesen und habe dessen Fall eine Generation später angekündigt. Aus denselben Gründen könne auch die Tribus Sergia nicht vor 426 v.Chr. in der Nähe von Fidenae existiert haben. Nach Alföldi wurden die alten Landtribus in zwei (bzw. drei) Phasen erst während des 5. Jahrhunderts gegründet. Diese Annahme steht im Kontext einerStudie, die versuchte, das Bild von einer Hegemonie Roms in einem Bund latinischer Städte im ausgehenden 6. und im 5. Jahrhundert v. Chr. zu widerlegen. Zu dieser Zeit hätten sich Römer und Latiner noch gegenseitig und gleichberechigt im Kampf gegen die Äquer bzw. Volsker Beistand geleistet.
Alföldis These stützt sich wesentlich auf die Differenzierung zwischen gentilizischen Tribus, die nach den Namen der vornehmsten Adelsgeschlechter des 5. Jahrhunderts benannt wurden, und lokalen Tribus. Die Unterscheidung geht zwar bereits auf Niebuhr zurück, Alföldi erklärte jedoch die lokalen Tribus im Gegensatz zu dem preußischen Gelehrten nicht damit, daß sie auf einstmals mächtige, aber in der Republik einflußlose gentes zurückgingen, sondern sah in ihnen die älteste Entwicklungsstufe des ager Romanus. Sie hätten nach der Entstehung der vier Stadttribus in der Königszeit und vor 450 einen ersten Tribusgürtel um die urbs herum gebildet, der zugleich die sakrale Grenze des ager Romanus antiquus zwischen dem 5. und 6. Meilenstein markiert habe. Zu diesem Gürtel hätten sechs Tribus – die Lemonia, Pollia, Pupinia, Voltinia, Camilia und Romilia – gehört.
Mehrere Forscher folgten der Darstellung Alföldis. A. Magdelain griff auf die Differenzierung zwischen Lokal- und Gentiltribus zurück und band sie ebenfalls in eine zweiphasige Entwicklung der Tribusordnung ein. Zusammen mit neun weiteren gentilizischen Tribus sei die Romilia im Rahmen einer politischen Reform im Zensusjahr 460/459 v.Chr. gegründet worden. Diese habe das Ziel gehabt, das servianische Klassensystem, das auf zehn Tribus (4 Stadt- und sechs Landtribus) basierte, um zehn Tribus zu erweitern, nachdem die Ausdehnung des ager Romanus und die Vermehrung der Bevölkerung eine solche Anpassung erforderlich gemacht hatte. Gerade Zahlen wie 10 oder 20 seien leichter mit den servianischen Zenturien zu koordinieren gewesen.
Auch G.V. Sumner datierte die Entstehung der alten Landtribus als politische Einheiten in die Zeit nach dem Dezemvirat. Zwar seien einige Tribusgentes bereits zu Beginn des 5. Jahrhunderts in den Fasti vertreten gewesen, aber diese hätten alle zusammen erst